Eine Dame in Paris - Do. 23.03 - 3sat: 22.25 Uhr

Wenn die Traumstadt zu einem Albtraum wird

"Eine Dame in Paris" - ein Film über die Einsamkeit, über die Liebe im Alter und über zwei Frauen, die zueinanderfinden. Die 50-jährige Estin Anne (Laine Mägi) wird vom Ex-Liebhaber einer alten Dame in Paris ohne deren Wissen angeheuert, um ihr als Zofe (oder Au-pair-Mädchen) zu Diensten zu sein. Doch die alte Dame lehnt das ab, sie feuert der Estin eine Breitseite nach der anderen entgegen. Arrogant bis zum Erbrechen ist die 85-jährige Jeanne Moreau, die diese großbürgerliche Pariserin spielt, in ihrer Rolle. Aber eben auch selbst höchst verletzlich, darüber kann bei allem Kanonendonner kein Zweifel sein. Sehr allmählich wird die allzu klar scheinende theatralische Herrin-und-Zofe-Konstellation aufgebrochen. Immer wichtiger werden Zwischentöne und Ungesagtes. 3sat zeigt den hervorragenden Film aus dem Jahr 2012 nun erstmals im deutschen Free-TV.

Eine längere Eingangssequenz schildert Annes tristes Leben in der estischen Provinz. Schneeberge an der Busstation, ein Besoffener, der Anne verfolgt und dabei immer wieder zu Boden geht, sie aber an der Haustüre gar noch zu überwältigen versucht. Eine größere Tristesse ist kaum vorstellbar, zumal Anne ihre todkranke Mutter bis zum Ende pflegt. Sie träumt von Paris, von einem anderen, schöneren Leben und legt dabei immer wieder die Kassette mit dem Chanson "Si tu t'apelle mélancholie" auf. Sehnsuchtsstadt Paris - der Traum vom anderen Leben.

Umso größer dann die Enttäuschung, die Anne bei ihrer Ankunft in Frankreich erlebt. Frida, die sie pflegen soll, entpuppt sich als grausam widerwärtiges Wesen. Sie schüttet Anne gleich mehrfach den Tee vom Tablett, wirft ihr gewissermaßen die "Plastikcroissants" an den Kopf, gebietet ihr, wann sie die Schuhe an- oder auszuziehen hat, und dass man um Gottes willen Parfüms nicht mischt. Es ist schon eine Gnade, wenn sie überhaupt mal auf Annes Fragen antwortet. Trotzdem verbirgt sich von Anfang an auch hinter jedem Befehl ein Hilferuf.


Laine Mägis Verdienst ist es, der großartigen Jeanne Moreau, die hier alle Register des Frustriert- und Verlorenseins ausspielt, Paroli zu bieten, ohne in irgendein Klischee zu verfallen. Man sieht den Schmerz auf ihrem klaren Gesicht mit den runden Augen, die in sich gekehrte Wut. Auch Frida, die Herrin, ist ja Estin wie sie. Sie hat in Paris die Zeiten des Kommunismus überlebt, ist reiche Witwe geworden und hat ihrem viel jüngeren Geliebten (Patrick Pineau) ein Café vermacht, mit dem sie ihn noch immer zu gängeln versucht. Natürlich ist Anne stets auf dem Sprung zurück, bereit Frida für immer zu verlassen. Doch einerseits hält sie der besorgte Liebhaber Fridas zurück, andererseits die Sympathie zu Frida, die langsam in ihr aufkeimt.


Ilmar Raag, der estische Regisseur ("Klass", 2007), lehnte seinen zweiten Film an die Erfahrungen seiner eigenen Mutter an. Die pflegte einst gleichfalls eine ältere Dame in Paris und kehrte neu belebt zurück. Im Film selber bleibt das Ende offen. Aber aus dem Eiffelturm ist jetzt ein Symbol der Selbstbestimmung geworden.


Wilfried Geldner
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