Von glücklichen Schafen - Do. 23.03 - ARTE: 21.55 Uhr

Mütter und Huren

Die Integrationsleistung, die Türken in wenigen Generationen in Deutschland vollbracht haben, ist ein vielschichtiges Thema, das filmisch noch längst nicht voll ausgelotet wurde. Auch dem mit trockenem Humor durchsetzten Drama "Von glücklichen Schafen" des Deutschtürken Kadir Sözen liegt dieser spannende Stoff zugrunde. Leider unterwandern zuweilen plakative Drehbucheinfälle die solide Schauspielleistung und Originalität seines sichtlich ambitionierten Familiendramas und ziehen den Film immer wieder auf billiges Fernsehniveau herunter. Nun ist er er bei ARTE tatsächlich erstmals im TV zu sehen.

Dabei beginnt der Film mit einer recht witzigen und klugen Szene: Can (Jascha Baum) masturbiert unter der Bettdecke, als seine attraktive Mutter Elmas (Narges Rashidi) und seine kleine Schwester Sevgi (Marlene Metternich) nichtsahnend ins Zimmer hereinplatzen, um ihm zum 16. Geburtstag zu gratulieren. Damit wird ein wichtiges Grundthema des Films eingeführt: Es geht in "Von glücklichen Schafen" - ganz unabhängig von der Nationalität der Figuren - auch um sexuelle Doppelmoral.

Die alleinerziehende Mutter bietet den Kindern ein materiell abgesichertes Leben, ihnen soll es an nichts fehlen. Doch dann erfährt der pubertierende Can durch einen peinlich-dummen Zufall, dass seine Mutter ihm seinen komfortablen Lebensstandard nicht - wie vorgetäuscht - durch ihren schmalen Lohn als Nachtschwester ermöglicht. Stattdessen arbeitet Elmas als Prostituierte in einem kleinen Bordell.


Für Can stürzen sämtliche Welten zusammen. Er reagiert mit ohnmächtiger Wut, aber auch urplötzlich mit Handgreiflichkeiten gegenüber seiner Mutter. Elmas hingegen verhält sich - ebenfalls unglaubwürdig - auf einmal fast schon nervtötend passiv, ignoriert seine plötzlichen patriarchalen Attitüden. Ein Zusammenleben ist nicht weiter möglich. Can zieht kurzerhand mit seiner kleinen Schwester zum, noch traditionell denkenden, Großvater (Vedat Erincin).


Nach Cans traumatischem Erlebnis spaltet sich der Film auf in eine Art Coming-of-Age-Geschichte des Sohnes und Elmas reuiger Wandlung von der Hure zur Madonna. Sie kündigt im Bordell und nimmt einen Job als Putzfrau in einer Kirche an. Die selbstbewusste Mutter wird einfallslos zu einer Art Märtyrerfigur aufgebaut. Eine zeitgemäßere, vielschichtigere Lösung ihres inneren Widerstreits wäre da wünschenswert gewesen. Auch der ebenfalls spannende Mutter-Sohn-Konflikt wird leider eher schweigend ausgetragen.


Viele Szenen wirken konstruiert und lassen gelungene, subtile Sequenzen, wie sie sich vor allem im Hause des Großvaters abspielen, leider verblassen. Opa beginnt nämlich, durch die Konfrontation mit seinen in Deutschland bestens sozialisierten Enkeln, allmählich zu dämmern, welche Schuld er an dem Familiendrama trägt. So dürfen der Großvater und der Enkel letztlich eine Entwicklung durchmachen, während die Hure und Mutter dramatisch von der Bildfläche verschwindet.


Gabriele Summen
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