Charité (Neue Serie:) - Di. 21.03 - ARD: 20.15 Uhr

Blut, Dreck und Sterben "light"

Robert Koch, Emil Behring und Paul Ehrlich - 1888 arbeiteten drei spätere Nobelpreisträger am berühmten Berliner Armenkrankenhaus Charité. Armenkrankenhaus? Ja, denn wer es sich damals leisten konnte, verzichtete auf das Elend öffentlicher Spitäler und holte sich seinen Leibarzt nach Hause. Sönke Wortmann fächert in seiner ersten Fernsehserie einen bunten Geschichtsbogen aus einem Deutschland an der Schwelle zur modernen Zeit auf: Industrialisierung und das rasante Wachsen der Städte, Monarchie und neue Ideen von Freiheit und Demokratie sowie die spannende Entwicklungsgeschichte der Medizin. Dies bildet den Background des Sechsteilers "Charité", der mit einer Doppelfolge zur besten Sendezeit startet. Um 21.50 Uhr folgt der Doku-Nachklapp "Die Charité - Geschichten von Leben und Tod". Weitere Folgen "Charité" laufen an den kommenden Dienstagen, um 20.15 Uhr.

Als Anker der viereinhalbstündigen Erzählung kreierten die Drehbuchautorinnen Dorothee Schön ("Der Minister", "Wunschkinder") und Sabine Thor-Wiedemann, eine studierte Medizinerin, das Berliner Kindermädchen Ida Lenze (Alicia von Rittberg). Die junge, mittellose Frau wird 1888 mit schwerer Blinddarmentzündung in die Charité eingeliefert.

Der ehrgeizige Arzt Emil Behring (Matthias Koeberlin) operiert das Mädchen vor Studenten als Anschauungsobjekt. Dem Tod springt es dabei nur knapp von der Klinge. Weil Ida ihre Krankenhauskosten nicht tragen kann, wird sie als Krankenhaus-Helferin eingestellt, um so ihre Schulden zu tilgen. Zeit und Ort der Miniserie, deren Fortsetzung bereits konzipiert wird, sind nicht ganz zufällig gewählt. Nach dem Tod des greisen Kaisers Wilhelm I. erfreut sich dessen an Kehlkopfkrebs erkrankter Sohn Friedrich III. nur 99 Tage des Throns - ehe er seinem Sohn Wilhelm II. Platz machen musste. Der führte Deutschland später in den Ersten Weltkrieg.


An der Klinik begegnet Ida, die immer mehr von der Medizin begeistert ist, Granden wie Rudolf Virchow (Ernst Stötzner), Robert Koch (Justus von Dohnányi), Paul Ehrlich (Christoph Bach) oder besagtem Emil Behring. Der alternde Robert Koch lebt eine Amour fou mit der jungen Boulevard-Schauspielerin Hedwig Freiberg (Emilia Schüle). Der aus armen Verhältnissen stammende Emil Behring kann seinen schonungslosen Karriere-Trip nur durchziehen, weil er selbst in den Opiat-Schrank greift.


Und der berühmte Klinikvater Rudolf Virchow? Träumt vom sozialen Fortschritt unter dem sterbenskranken Kaiser Friedrich III. Am liebsten würde Arzttochter Ida, die nach dem Tod der Eltern unverschuldet verarmte, selbst Medizin studieren. Was in Deutschland 1888 als einzigem "modernen" Land noch verboten war. Ihre zart aufkeimende Liebe zum sensiblen Medizinstudenten Georg Tischendorf (Maximilian Meyer-Bretschneider) konkurriert jedoch mit der Idee eines Studiums in der Schweiz. Auch wenn es am Anfang ein bisschen braucht, bis alle Figuren vorgestellt wurden und die Handlung Fahrt aufnimmt, spätestens ab Folge drei verdichtet sich die Spannung.


Zum ersten Mal versucht sich das deutsche Fernsehen an einer historischen Medizinserie. Im Vorfeld wurden Bezüge zu Steven Soderberghs "The Knick" hergestellt, jener Serie, die an einem New Yorker Krankenhaus des Jahres 1900 spielt. Die Vergleiche laufen jedoch ins Leere. Wo im US-Werk ein faszinierend kaputter Mediziner auf Droge (Clive Owen) und drastische Bilder von medizinischen Eingriffen im Vordergrund stehen, kommt das ARD-Primetime-Produkt eher staatstragend daher.


"Charité" erzählt mehr Geschichte, als dass Blut und anderen Innereien explizit zur Schau gestellt würden. Dennoch lohnt die im gute Sinne konservative Serie das Einschalten: gut besetzt und ausgestattet, medizinhistorisch kompetent beraten und von Klasse-Kameramann Holly Fink in feine Bilder gegossen "Charité" ist nicht die große deutsche TV-Revolution, enttäuscht aber keineswegs.


Eric Leimann
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