Der gleiche Himmel (1) - Mo. 27.03 - ZDF: 20.15 Uhr

Deutschland '74

Durch kluge PR über Erfolge im Ausland wurde die sicher ordentliche RTL-Serie "Deutschland 83" vor anderthalb Jahren zum Aushängeschild deutscher Serienambitionen ernannt. Nun wagt sich das ZDF an ein vordergründig ähnliches Projekt, auch wenn "Der gleiche Himmel" (Mo. 27.03., Di. 28.03. und Mi. 29.03., jeweils 20.15 Uhr) formal als Dreiteiler daherkommt. Erzählt wird die Geschichte des DDR-Romeo-Agenten Lars Weber (Tom Schilling), der sich im Berlin des Jahres 1974 an eine Geheimnisträgerin (Sofia Helin, "Die Brücke") der West-Alliierten heranmacht. Die von Oliver Hirschbiegel ("Der Untergang") inszenierten, 270 kinoreifen TV-Minuten erzählen jedoch mehr als dies. Das von der britischen Drehbuchautorin Paula Milne ("Die Kinder") klug getuschte Figuren-Ensemble zeichnet ein Ost-West-Gesellschaftspanorama, wie man es im deutschen TV noch nicht gesehen hat.

1974 wird (West-)Deutschland Fußballweltmeister. Und das nach einer 0:1-Niederlage gegen die DDR in der Vorrunde. Entspannungspolitiker Willy Brandt muss wegen eines Ost-Spions in seiner Nähe zurücktreten, während US-Präsident Richard Nixon über Watergate stolpert. Es war die Hochzeit des Ost-West-Konfliktes, und von jenem erzählt Oliver Hirschbiegels furioser Dreiteiler spannend, aber auch subtiler als beinahe alles, das man bisher aus Deutschland zum Thema sah, wenn man vom Ausnahmefilm "Das Leben der Anderen" einmal absieht.

Da ist der ambitionierte junge DDR-Spion (Schilling), der seinen Vater Gregor (Jörg Schüttauf) stolz machen will. Jener Gregor ist ein eher kleines Rädchen bei der Stasi. Mit der Zeit kommen dem prinzipientreuen, sanften Mann Zweifel an der Legitimation seiner Spitzel- und Kontrolltätigkeit. Ein paar Türen weiter eines Ostberliner Wohnblocks leben die Webers (Anja Kling, Godehard Giese) mit ihren beiden Töchtern. Die jüngere, Klara (Stephanie Amarell), wird als Leistungsschwimmerin mit Hormonen vollgestopft. Ihre ehrgeizige Mutter kehrt die beängstigende Nebenwirkungen der Behandlung jedoch lieber unter den Teppich. Der freigeistige homosexuelle Lehrer Axel Lang (Hannes Wegener) verliebt sich in einen Briten und denkt über Flucht nach. Das Tunnelprojekt einiger anderer Schwuler - in der DDR waren sie offiziell "anerkannt" - klingt da ziemlich interessant.


Parallel tobt im Westen das grell-bunte Leben der 70-er, ohne dass die Menschen dort deswegen glücklicher wären. Der undurchsichtige Ralf Müller (Ben Becker), Führungsoffizier des Romeo-Agenten in Westberlin, genießt zwar Fast Food und andere Luxusgüter des Kapitalismus, philosophiert aber gegen ein System ohne Werte, in dem der Mammon als einzige Bezugsgröße dient. Ganz prima ist sie, diese ambivalente, wortkarge, gruselige Figur, die sich - ganz unüblich für das deutsche TV - nicht ständig selbst erklären muss, weswegen sich dieser Dreiteiler viele seiner Geheimnisse lange Zeit bewahrt.


Doch zurück in den Westen: Da wird von zwei Freundinnen erzählt, der jüngeren Deutsch-Amerikanerin Sabine Cutter (Friederike Becht, "Käthe Kruse") und der etwas älteren Lauren Faber (Sofia Helin, die sich hier verblüffend von der autistischen sexy Lederhosen-Ermittlerin aus "Die Brücke" in eine einsame, ältliche Sekretärin verwandelte). Die sexuell ausgedorrte Lauren hat eine gescheiterte Ehe hinter sich und lebt in einer frustrierenden Zweier-WG mit ihrem rebellierenden halbwüchsigen Sohn. Da Sabine und Lauren auf der alliierten Horchstation auf dem Teufelsberg arbeiten, hat der Osten die Ältere der beiden als ideales Ziel für die Avancen des jungen Agenten Lars ausgeguckt.


Selbst wenn Figuren wie die junge DDR-Schwimmerin, ihre ehrgeizige Mutter oder der Stasi-Mitarbeiter mit Zweifeln von Paula Milne ein wenig exemplarisch angelegt wurden, haben die Figuren der britischen Autorin allesamt genug Tiefe, Überraschungsmomente und Klasse, um sich von vergleichbaren deutschen TV-Film- oder Seriencharakteren abzusetzen. Hinzu kommt die Kamera von Judith Kaufmann ("Elser", "Vier Minuten"), die dem dramatischen Agentenreigen einen hohen, geradezu sinnlichen Schauwert verleiht. Auch Szenenbild und Ausstattung gebührt ein Sonderlob. Wie Oliver Hirschbiegel und sein Team in zahlreichen Straßenszenen und anderen Sets mit vielen Komparsen ein authentisches Bild des Jahres 1974 zeichnen - und das in Ost und West - macht dem ZDF-Dreiteiler so schnell kein anderes Fiction-Produkt nach.


"Der gleiche Himmel" ist deutsches Serienfernsehen auf sehr hohem Niveau - auch wenn das Wort Serie hier kurioserweise nicht in den Mund genommen wird. Im Zuge des Fiction-Produktes sendet das ZDF zwei Dokus: Am Sonntag, 26. März, 23.35 Uhr, "Der lange Arm der Stasi" und am Montag, 27. März, 0.10 Uhr, "Information um jeden Preis". Vor allem in letzterer wird das Wirken der DDR-Romeo-Agenten anhand wahrer Fälle erläutert.


Eric Leimann
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