Honigfrauen (1) - So. 23.04 - ZDF: 20.15 Uhr

Sommer, Sonne, DDR

Die Erfurter Schwestern Catrin (Cornelia Gröschel) und Maja Streesemann (Sonja Gerhardt) trampen im Sommer 1986 an den ungarischen Balaton-See. In von Mutter Kirsten (Anja Kling) geschneiderten Bikinis wollen die jungen Frauen ihren Traum vom Bade-Urlaub im Süden leben. Tatsächlich schaut man die ersten 90 Minuten des Dreiteilers "Honigfrauen" vor allem zwei gut gelaunten Schwestern beim Campen zu. Da gibt es Sonne, Liebelei und Lagerfeuer mit Gitarre - als befände man sich in einem Kinoabenteuer für Teenager. Erst langsam schleichen sich dramatische Handlungsfäden ins Drehbuch ein. Die Balaton-Brigade der Stasi nahm auf jenen Campingplätzen fluchtwillige DDR-Bürger ins Visier. Und im nahen D-Mark-Paradies, dem Luxus-Hotel "Balaton-Residenz", organisiert der smarte Hotelmanager Tamás Szabo (Stipe Erceg) Fluchten für DDR-Bürger.

Eine gewisse, tatsächlich in den Film transportierte Leichtigkeit gilt es bei den "Honigfrauen" zu loben. Das authentische Spiel Cornelia Gröschels ("Die Schöne und das Biest") und Sonja Gerhardts (Ku'damm 56") trägt die Chemie der Schwestern tatsächlich durch einen erstaunlich langsam erzählten Mehrteiler. Trotzdem kommt auch hier irgendwann Dramaturgie sichtbar im Drehbuch an: Catrin und Maja fühlen sich beide von Hotel-Dandy Tamás angezogen. Die ältere Catrin wird zudem vom handfesten DDR-Camper Rudi (Franz Dinda) umworben.

Gleichzeitig sitzt die Mutter der beiden Mädchen in Erfurt auf heißen Kohlen - seit sie erfahren hat, dass Jugendliebe Erik (Dominic Raacke), der schon lange im Westen lebt, ebenfalls an den Balaton gereist ist. Erik, das weiß keiner außer Kirsten und ihm selbst, ist Catrins Vater. Die wiederum ist überzeugt davon, dass Karl (Götz Schubert), der Mann, mit dem sie aufwuchs, ihr Erzeuger ist. Während am sommerlichen Plattensee westliche Urlaubs-Ästhetik des Jahres 1986 auf selbiges Modell aus der DDR trifft, sucht Erik seine verlorene Tochter. Dazu träumen DDR-Bürger von der Freiheit und natürlich alle von der Liebe.


Das Bemerkenswerteste am Dreiteiler "Honigfrauen" - so nannten Westurlauber damals "sexuell offene" DDR-Frauen im Ungarn-Urlaub - ist der Genre-Spagat, den das 270 Minuten-Werk hinzulegen versucht. Am ehesten im Bereich des Melodrams zu verorten, die drei Teile laufen im Wochenabstand auf dem Sendeplatz des "Herzkinos", streift das mit historischer Popmusik vollgestopfte TV-Werk auch die Genres Historien-Drama und Komödie. Drehbuchautorin Natalie Scharf ("Frühling") ist zwar 1966 in Bayern geboren, verbrachte aber ihre Ferien regelmäßig bei der DDR-Verwandtschaft. Auch Christoph Silber, am Drehbuch von "Good Bye Lenin!" beteiligt, half als Autor mit. Regie führte Veteran Ben Verbong ("Das Sams").


Angenehm ist die Leichtigkeit von Buch und Inszenierung, die im Zweifelsfall einen spritzigen Dialog zum schönen Sonnenuntergang am Plattensee einer dramatischen Liebes- oder Fluchtszene vorziehen. Tatsächlich erzählt "Honigfrauen" die Zeit kurz vorm Zusammenbruch der DDR ein wenig anders als eine Welle dramatischer und historienschwerer Fluchtfilme, die vor zehn bis 15 Jahren das deutsche Fernsehen fluteten.


Natürlich kann man es wahlweise subversiv oder bescheuert finden, dass es im West-Urlauber-Paradies "Balaton-Residenz" so stylisch und antiseptisch aussieht wie im Video "Club Tropicana" von Wham - während es ein paar Schritte weiter auf dem Campingplatz sexuell befreite DDR-Paare ("Es gab ja sonst nichts") im Zeltaufbau auf dem Trabi treiben, bis sich die Rennpappe biegt. "Honigfrauen" will als Film vor allem unterhalten und damals jungen Zuschauern in Ost und West ein nostalgisches Gefühl vermitteln. Nebenbei erzählt er ein wenig (Urlaubs)geschichte von einem der wenigen Orte, wo sich Lifestyle Ost und West damals begegneten.


Dem Mehrteiler gelingt dies mit spielfreudigen Darstellern und weitgehend authentischen Dialogen, die eine etwas krude Geschichte überraschend gut funktionieren lassen. Ein herausragendes TV-Event ist "Honigfrauen" trotzdem nicht. Und wenn doch,  dann nur in der Abteilung Nostalgie-Vermittlung. Urlauber, die Mitte der 80-er selbst am Plattensee ihren Träumen nachjagten, werden über 270 Minuten genug Zeit zum Seufzen über den Verlust des süßen Vogels Jugend haben.


Eric Leimann
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