Unterm Radar - Mi. 24.05 - ARD: 20.15 Uhr

Vom Zerbröseln des Rechtsstaats

Als Regisseur Elmar Fischer 2015 seinen ARD-Thriller "Unterm Radar" drehte, der nun in einer Wiederholung zu sehen ist, war die Terrorgefahr in Deutschland noch abstrakt. Seitdem ist viel passiert in der Bundesrepublik. In Fischers Film geht es jedoch weniger um den vordergründigen Schrecken als vielmehr um die Katastrophe nach der Katastrophe. Nicht die Angst um Leib und Leben umtreibt den Film nach einem Drehbuch von Henriette Buegger, sondern die Sorge um das Zerbröseln des Rechtsstaats im Angesicht der Terrorgefahr.

Christiane Paul, die für ihre Rolle mit dem International Emmy Award ausgzeichnet wurde, spielt die Richterin Elke Seeberg. Die Vollblut-Juristin hätte es sich nie träumen lassen, dass einmal ein Anti-Terror-Kommando des BKA ihre Wohnung stürmen, sie fesseln, knebeln und verhaften würde. Warum dieser unbescholtenen Bürgerin das angetan wird? Ihre Tochter Marie (Linn Reusse), Studentin der Islamwissenschaften und liiert mit einem Moslem, wird verdächtigt, in einen Sprengstoffanschlag am Berliner Gendarmenmarkt verwickelt gewesen zu sein. Nun ist Marie verschwunden, und die verzweifelte Mutter soll zwei BKA-Beamten behilflich sein, sie zu jagen.

Was dann folgt, ist in weiten Teilen doch sehr erwartbar: Die schreckliche Presse belagert die Wohnung der "Terrormutter", ihr Vorgesetzter (Hans-Werner Meyer) übt sich in Opportunismus, und irgendwann kommt ein Imam ins Spiel, der für alle, die es immer noch nicht begriffen haben, erklärt, dass der Islam eine friedliche Religion sei, die von Terroristen nur missbraucht werde.


Der eigentliche Konflikt, den der Film erzählen will, wird indes durch die Figuren der beiden BKA-Männer transportiert. Durch einen vom alten Schlag (Heino Ferch), der den Rechtsstaat für schützenswert hält und sich bald auf die Seite der verzweifelten Mutter schlägt. Und durch seinen jüngeren Ex-Partner und neuen Vorgesetzten (Fabian Hinrichs), der von der Weiterbildung in den Vereinigten Staaten ein Faible für grenzwertige Methoden mitgebracht hat. Nachdem die Richterin Seeberg ihre Wohnung von den BKA-Wanzen und versteckten Kameras befreit hat, erfährt sie gar Schreckliches: Offenbar ist ihre Tochter gar nicht auf der Flucht, vielmehr belegen Filmaufnahmen, dass sie von deutschen Beamten verschleppt wurde.


Was sind wir bereit zu tun, um eine konkrete Terrorgefahr abzuwenden? Wie stark wollen wir auf zivile Grundrechte pochen, wenn Leib und Leben Unschuldiger im Fadenkreuz von Attentätern auftauchen? Die Verwerfungen der Weltgemeinschaft konfrontieren die Menschen im 21. Jahrhundert mit schlimmen Dilemmata - allerdings gebietet es die Genauigkeit anzuerkennen, dass der moralische Zwiespalt prinzipiell durch ein jedes Individuum läuft und nicht als äußere Grenze zwischen Gut und Böse.


Zeitgemäße Fiction-Erzählungen tragen dem in ambivalenten Figurenzeichnungen Rechnung, die es in "Unterm Radar" im Dienste der ethischen Klarheit nicht gibt. Auch wenn man der einseitig warnenden Lesart der Filmemacher zustimmen will, wofür es fraglos gute Gründe gibt: Es wirkt am Ende doch etwas plump, wenn das Ganze aufbereitet ist wie ein zeigefingerdidaktischer Beitrag zur politischen Bildung.


Jens Szameit
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