Die Hit-Maschine: Wie MTV den Ton angab - Fr. 26.05 - ARTE: 21.50 Uhr

In der Wurstfabrik

Als der amerikanische TV-Kanal MTV 1981 auf Sendung ging, hatte man gerade mal 200 Videoclips auf Halde. Die meisten davon kamen aus Großbritannien. In Amerika hätte man es damals ziemlich absurd gefunden, zur eigenen Musik kleine Filmchen zu drehen. Mit dem Aufstieg von MTV änderte sich das. Plattenfirmen gaben eine halbe Million Dollar und mehr aus, um einzelne Songs ihrer Künstler zu bewerben. Ein Wahnsinn, denkt man heute, da es entweder gar keine Clips mehr gibt oder solche, die für 5.000 Euro hergestellt werden, wie Sharleen Spiteri von der Band Texas betont. Der Film "Die Hit-Maschine: Wie MTV den Ton angab" analysiert im 52 klugen Minuten den Aufstieg und Fall des dicksten Schiffes im Popzirkus der späten 80-er und 90-er. Dabei kommen viele bekannte Protagonisten der Zeit zu Wort.

Ray Cokes, hyperaktive Ikone des MTV-Zeitalters, erinnert sich im Interview an das Wesen seiner Arbeit. Von draußen, so erzählt der mittlerweile fast 60-Jährige, hätte MTV glamourös, verspielt und hip ausgesehen. Drinnen jedoch wäre es zugegangen wie in einer Wurstfabrik. Man hätte dieselbe, bescheuerte Ansage 60-mal in die Kamera blöken müssen und danach kamen die nächsten paar Dutzend Aufsprecher. Wer sich beschwerte, dem drohte die Kündigung. Schließlich hatte man doch einen Traumjob der 90-er: Ansager oder besser VJ bei MTV!

Die aus dem Jahr 2014 stammende Dokumentation von Laurent Thessier und Thierry Teston verbindet das unterhaltsame Wiedersehen mit "Videostars" von einst mit einer Analyse vom Aufstieg und Fall des Pop-Imperiums MTV. Der damals übermächtige Sender hätte eigentlich Youtube werden müssen, sagt ein Experte, denn man hielt alle Trümpfe für eine solche Internet-Plattform in der Hand. Stattdessen verabschiedete man sich vom Klang- und Bilderlebnis Pop und strich irgendwann sogar das Wort "Musik" aus dem eigenen Logo heraus. Eine ziemlich verrückte, tragikomische und spannende Geschichte.


Es ist eine Geschichte, die zahlreiche Aspekte aufweist, die aus heutiger Sicht unglaublich scheinen. Man denke an die ikonografischen Jingles, jene Marken-Filmchen zwischen den Musikclips, bei denen kunstvoll das Logo des Senders in immer neuen Anmutungen auftauchte. Sie wurden meist unentgeltlich von Designstudenten hergestellt. "Hey, du kannst für MTV arbeiten, welche Ehre", hieß es.


Eric Leimann
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