Für dich dreh ich die Zeit zurück - Fr. 26.05 - ARD: 20.15 Uhr

Kunterbunte Realitätsflucht

Eine herrlich skurrile Szene steht am Anfang dieser Geschichte: Die ältere Dame ist nicht mit ihrem Taxi zufrieden. "Wenn sie weiter so schreien, dann nehme ich mir ein anderes Taxi!", droht sie. Der Fahrer des Wagens ist allerdings ihr Ehemann - nur die Beifahrerin weiß das nicht mehr. Der Zuschauer braucht die ersten Minuten, um zu verstehen: So lustig, wie das aussieht, ist es gar nicht. Denn in der liebevoll gestalteten Tragikomödie "Für dich dreh ich die Zeit zurück" geht es um den Umgang mit der Krankheit Alzheimer.

Es ist nicht das erste Mal, dass das die Alzheimerkrankheit in einem Film aufbereitet wird. Nicht zuletzt hat sich Til Schweiger mit "Honig im Kopf" (2014) an das Thema herangewagt. Auch Regisseur Nils Willbrandt widmet dem Vergessen einen Film, und bezieht die ganze Familie ein, wenn es darum geht, wie man damit umgehen kann und muss.

Bei Hartmut (Erwin Steinhauer) und Ehefrau Erika (Gisela Schneeberger) zieren zahlreiche beschriftete Post-its die dunklen Einbauschränke, herumliegende Gegenstände und letztendlich auch die Menschen, die zu Besuch kommen - denn Erika braucht Gedächtnisstützen. Sie leidet an Alzheimer, doch ihr Ehemann möchte das zunächst einfach nicht einsehen.


Stattdessen will er kleine Erinnerungen wachrütteln, um das Vergessen aufzuhalten. Dafür zaubert der brummige Rentner seiner Ehefrau ihr Lieblingsgericht von früher - seinen Spezial-Ei-Burger mit dem Namen "Ei-lige Dreifaltigkeit". Spätestens jetzt fiebert auch der Zuschauer mit Hartmuts Bemühungen mit. Wenn Erika dann meint: "Es schmeckt grauenhaft, aber er kann nichts anderes. Ich esse es nur ihm zuliebe", fühlt man sich auch vor dem TV-Bildschirm machtlos.


Nach 40 Minuten fällt der Satz "Für dich dreh ich die Zeit zurück". Hartmuts letzter großer Versuch, die Krankheit aufzuhalten, indem er sein Haus - und dank Perücke auch seine Haarpracht - in die 70er-Jahre zurückversetzt geht los. Er möchte Erika wieder glücklich machen. Enkelin Helena (die Schweizer Newcomerin Ella Rumpf) zieht kurzerhand bei ihren Großeltern ein und vertieft sich in das Projekt. Schnell merkt man, dass sie ebenfalls vor ihren privaten Problemen flüchtet. Doch die Realität holt die ganze Familie ein, und letztendlich müssen sie der Wahrheit in die Augen sehen.


Die deutsch-österreichische Koproduktion ist eine liebevoll gestaltete Komödie, in der die bunten Farben keineswegs die Tragik verdecken, die Alzheimer mit sich bringt. Der Stoff des Buchs von Uli Brée und Klaus Pieber ist nicht neu, aber frisch interpretiert und berührt durch seine Ehrlichkeit. Dazu tragen auch die Schauspieler bei - allem voran der durch seine urige Art überzeugende Erwin Steinhauer. Die Musik verpasst dem Film den letzten Schliff: Nicht nur die Rückblenden aus jungen Jahren sind unterlegt mit passenden Melodien, auch ansonsten versetzen Queen und Abba die Zuschauer zurück in ihre Jugend.


Anke Waschneck
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