Tatort: Das Muli - So. 13.08 - ARD: 20.15 Uhr

Der Star ist die Stadt

Natürlich hatte Berlin auch schon vor 2015 einen eigenen "Tatort". Doch dem Flair der dürftig budgetierten Allerweltskrimis mit Dominic Raacke und Boris Aljinovic alias Ritter und Stark merkte man nur selten an, dass sie in der Hauptstadt spielten. Mit dem neuen Kommissarsduo an der Spree, Nina Rubin (Meret Becke) und Robert Karow (Mark Waschke), änderte sich das im März 2015 schlagartig: endlich Kiezleben, Bandenkriminalität und der Ku'damm bei Nacht. Wenn auch bei äußerst schwankender filmischer Qualität der bislang fünf Episoden. "Das Muli" ist der nun wiederholte Auftaktfall betitelt. Klingt possierlich. Tatsächlich erwartet einen jedoch ein mit groben Splatter- und Sexszenen garniertes Gewaltstück. An die expliziten Szenen mussten sich die Zuschauer des Berliner "Tatorts" fortan gewöhnen - wie auch daran, dass die Reihe manche Handlungsstränge über mehrere Folgen weitererzählt.

Als "Muli" werden im Drogengewerbe meist junge Frauen bezeichnet, die in Kondomen abgefüllte Rauschmittel verschlucken und in ihren Gedärmen über Ländergrenzen schmuggeln. Eine Methode mit hohem gesundheitlichen Risiko bei vergleichsweise geringer Entlohnung. Eine junge Berlinerin fällt am Treffpunkt mit ihren Auftraggebern ins Koma, woraufhin sie von den Männern kurzerhand ausgeweidet wird. Ihren Leichnam zerteilen sie in der Badewanne in transportable Stücke. Die werden später von Kriminaltechnikern in einer Mülldeponie sichergestellt.

Blutiger und schauerlicher hätte der Auftakt für die neuen Berliner "Tatort"-Kommissare kaum sein können. Doch damit ist es längst nicht genug der Drastik. Die Kripo-Chefin Nina Rubin sieht man eingangs beim nächtlichen Sex-Quickie im Disko-Hinterhof mit ihrem Kollegen. Ihr Ehemann packt auch schon bald die Koffer, ihr ältester Sohn will darob auch nicht mehr zu Hause bleiben. Wie ein traurig verlebtes Post-Riot-Grrrl mit schwarz umrandeten Augen und nicht ganz altersgemäßer Kleidung begegnet einem Meret Becker in der Rolle.


Mark Waschke dagegen betritt in Nadelstreifenanzug die Szene. Sympathisch ist der Neue im Kommissariat deswegen aber längst nicht. Robert Karow ist ein arroganter Provokateur mit dubioser Vergangenheit. Eben erst wurde sein langjähriger Partner ermordet, woraufhin sich der offenbar zynisch gewordene (und tatverdächtige) Karow von der Drogenfahndung zur Mordkommission versetzen ließ. Da ist es natürlich ein bemerkenswerter Zufall, dass er just beim Dienstbeginn auf alte Widersacher aus der Zeit beim alten Dezernat trifft. Offenbar ist es ihm wichtiger, die zur Strecke zu bringen, als ein junges "Muli"-Mädchen zu retten, das auf der Flucht vor den Schlächtern ihrer Freundin mit dem Bruder durch die Stadt irrt.


Berlin leuchtet währenddessen in all den schillernden Facetten, die die Stadt so attraktiv und spannend machen. Es geht durch bunte Kieze und beklemmende Betonwüsten, an Touri-Orte und solche, die nicht jeder kennt. Grimme-Preis-Träger Stephan Wagner ("Mord in Eberswalde") inszeniert die Spreemetropole nach einem Buch von Stefan Kolditz ("Unsere Mütter, unsere Väter") bei Tag und bei Nacht in urbanen Farben. Viel steckt drin in diesen prall-ambitionierten 90 Filmminuten. Als hätte der RBB all das jahrelang Versäumte auf einmal nachholen wollen. Entsprechend überfahren fühlt man sich von diesem Gewaltritt.


Am 27. August endet die Zeit der "Tatort"-Wiederholungen. Dann gibt es endlich wieder neue, herbstliche Krimiware. Für den ersten Fall "Virus" sind der ORF mit dem Ermittlerteam Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) zuständig.


Jens Szameit
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