Tatort: Zwei Leben - So. 17.09 - ARD: 20.15 Uhr

Unterm Rad

Ja, ist denn ganz Luzern von der Lebensmüdigkeit erfasst? Unlängst erst deklinierten sie beim Schweizer "Tatort" das Thema Sterbehilfe durch ("Freitod"). Hier begegnet einem einer, der es scheinbar eiliger hatte auf dem Weg ins Jenseits. Die rotlockige Lady von der Spurensicherung hat längst aufgehört, die Suizidfälle zu zählen, als sie wieder mal ausrücken muss, um zerquetschte menschliche Überreste unter einem Fernbus sicherzustellen. Weil aber die Kommissare Flückiger (Stefan Gubser) und Ritschard (Delia Mayer) nicht untätig bleiben dürfen in einem Sonntagskrimi, gibt es bald Ermittlungsbedarf. Ist der zur Unkenntlichkeit entstellte Mann vielleicht gar nicht freiwillig von der Autobahnbrücke gesprungen? Und was hat der Fernbus-Fahrer vor dem Aufprall beobachtet? Der ziemlich mitgenommene Kerl ist ein alter Militärdienst-Spezl vom Flückiger, wie sich zeigt. Es gibt Zufälle, die gibt's nur beim "Tatort" ...

"Zwei Leben" heißt die zweite Regiearbeit des Schweizer Krimifachmanns Walter Weber ("Wilsberg", "Ein starkes Team") für den ARD-Sonntagsklassiker. Exakt so wie übrigens ein Essener Haferkamp-"Tatort" aus dem Jahre 1976. Damals wie jetzt zielt der Titel ab auf abgetauchte Schurken mit verdeckten Identitäten. Schon bald nämlich verfolgen die Ermittler eine heiße Spur, wer das Mordopfer sein könnte: ein windiger Bauunternehmer, der angeblich bei der Tsunami-Katastrophe 2004 in Thailand ums Leben gekommen ist. Man stirbt nur zweimal ...

Halb sind also die Kommissare beschäftigt, das dubiose Verschwinden des Mannes zu rekonstruieren, der wohl Millionen in die eigene Tasche abzweigte und etliche Schuldner auf offenen Rechnungen sitzen ließ. Zur anderen Hälfte entfaltet sich ein schwermütiges Psychodrama um den bemitleidenswerten Busfahrer. Welch perfide Ironie: Beni Gisler war eigentlich einst Lokführer, der nach zwei Suizid-Fällen im Dienst von der Schiene auf die Autobahn umgestiegen war. Nun hat ihn auch hier sein Lebenstrauma eingeholt. Schwer aggressiv und mit dröhnenden Geräuschen im Kopf ist er entschlossen, den Mörder auf eigene Faust zu ermitteln und zur Rechenschaft zu ziehen. Nicht mal die engagierte Psychologin Dr. Sonja Roth (Stephanie Japp) kann ihm eine Zeugenaussage entlocken ...


In vielen halbdunklen Szenen füllt der Schweizer Film- und Theaterschauspieler Michael Neuenschwander die Rolle des Traumatisierten mit entsetzlichem Grimm und rasender Verzweiflung. Das gestaltet sich recht packend, wenngleich nicht zu übersehen ist, um welch sonderbare Zufälle der Handlungsgang (Buch: Felix Benesch und Mats Frey) gestrickt wurde. Geübte "Tatort"-Gucker werden rasch eins und eins zusammenzählen - aber so etwas empfinden ja auch viele Stammzuseher als ganz angenehm.


In diesem Sinne gelang den immer seltener gescholtenen Schweizern ein routiniertes Stück frei nach dem alten Adenauerwahlspruch: "Keine Experimente!" - Das allerdings wird sich ändern: Den nächsten Luzerner "Tatort" inszenierte Star-Regisseur Dani Levy ("Alles auf Zucker!") in nur einer einzigen Kameraeinstellung ohne Schnitt. Das Ergebnis dieser anspruchsvollen "Echtzeit"-Übung ist 2018 zu sehen.


Jens Szameit
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