Tatort: Der rote Schatten - So. 15.10 - ARD: 20.15 Uhr

Hefte raus, Klassenarbeit!

Wenn Dominik Graf einen "Tatort" inszeniert, solle man sich Zettel und Stift parat legen und fleißig mitschreiben. Denn der Münchner Regisseur mag's kompliziert. Oder vielschichtig, je nachdem. Bei Grafs letztem Beitrag für den Sonntagskrimi, dem Münchner Film "Aus der Tiefe der Zeit", hatten vor vier Jahren rund 1,2 Millionen Zuschauer offenbar keine Lust, sich Notizen zu machen - und schalteten im Laufe des 90-Minüters weg. Grafs neuestem "Tatort", seinem ersten für den SWR, könnte es ähnlich ergehen. Denn auch "Der rote Schatten" fordert dem Zuschauer einiges ab. Wer hier durchsteigen will, muss sich konzentrieren. Und am besten zuvor deutsche Nachkriegsgeschichte wälzen. Lohnen tut sich's aber allemal.

"Der rote Schatten" erzählt, 40 Jahre nach dem Deutschen Herbst, von den Ereignissen des Jahres 1977. Zunächst aber beginnt der Film in klassischer "Tatort"-Manier im Hier und Jetzt, mit einer Leiche, die in Stuttgart von einem Friedhof gestohlen wurde. Die tote Frau wird im Kofferraum eines verunfallten Autos gefunden, der Fahrer (Oliver Reinhard), ihr Ex-Mann, wollte sie nach Frankreich bringen, um sie erneut obduzieren zu lassen. Er glaubt, sie wurde ermordet, von ihrem neuen Liebhaber Wilhelm Jordan (Hannes Jaenicke), und dass die deutschen Behörden Jordan decken würden.

Tatsächlich rollen die Stuttgarter Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) die Ermittlungen noch einmal auf und stoßen bald auf erste Ungereimtheiten. Stutzig macht sie vor allem, dass Jordan einst für den Verfassungsschutz als V-Mann auf die RAF angesetzt war.


Parallel dazu zeigt Graf, toll in Szene gesetzt, wie zwei vermummte Männer und eine Frau einen Geldtransporter überfallen. Schnell heißt es, drei ehemalige RAF-Mitglieder hätten den Überfall begangen. Als Vorbild dienten dem Drehbuch von Graf und Raul Grothe offenbar die RAF-Terroristen Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette, denen in den vergangenen Jahren mehrere Überfälle angelastet wurden.


Im Film ist Oberstaatsanwalt Lutz (Friedrich Mücke) dem Trio auf den Fersen. Bald schon vermischt sich die Jagd auf die Terroristen mit dem Fall Jordan, und der "Tatort" ist mitten drin im Jahr 1977, als RAF-Terroristen Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer ermordeten, die Lufthansa-Maschine "Landshut" entführten und sich schließlich Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Gefängniszellen in Stammheim das Leben nahmen.


Oder war es doch kein Selbstmord? "Der rote Schatten" spielt gekonnt mit der Theorie, dass Baader, Raspe und Ensslin in der Nacht zum 18. Oktober 1977 in ihren Zellen vom "Staat" ermordet wurden. Jener Wilhelm Jordan soll damals eine Rolle gespielt haben. Virtuos, aber auch hochgradig verwirrend, vermischt Dominik Graf "Tatort"-Fiktion mit deutscher Geschichte und tatsächlich kursierenden Verschwörungstheorien. Ist Jordan gar jener (fiktive) Holger Stängl, der damals die Waffen in die Zellen der Terroristen schmuggelte, um den Staat vor dem Verdacht zu schützen, er habe die RAFler getötet? Und wird er deswegen jetzt selbst in Schutz genommen?


Die zentrale Rolle bei den Ermittlungen spielt Lannert, während sich Bootz vom älteren Kollegen Nachhilfeunterricht über "damals" erteilen lassen darf. "Wir haben den Hunger in Afrika gesehen", erzählt Lannert, "uns war sofort klar: So darf die Welt nicht sein." Mit 16 sei er von zu Hause abgehauen - "lange Haare, Parka" - und in eine WG gezogen. "Da bin ich der Ensslin mal begegnet", verrät er Bootz und dem staunenden Zuschauer.


In solchen Momenten ist Dominik Graf gefährlich nah dran, in linke RAF-Nostalgie zu verfallen, vor allem, wenn dann auch noch Collagen aus grobkörnigen Archivbildern und nachgedrehten Szenen den Zuschauer auf eine Zeitreise in die bunten 70-er mitnehmen sollen. Bei Geschichtsunterricht bleibt's aber nicht, "Der rotte Schatten" ist ein bis zum Ende spannender "Tatort", mit wohldosierter Action und einem überraschenden, doppeldeutigen Schluss. Nur etwas weniger kompliziert hätte das Ganze dann doch sein dürfen. Nicht, dass ein Teil des Publikums wieder zu schnell die Geduld verliert mit diesem Graf-"Tatort".


Sven Hauberg
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