Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück - Mi. 13.12 - ProSieben: 20.15 Uhr

Keine Würde, nirgends

Es gibt historische Geschehnisse von derartiger Wahnhaftigkeit, dass man ihnen als Zuschauer auch dann noch ungläubig begegnet, wenn auf dem Bildschirm die Worte "Nach wahren Ereignissen" prangen. Zu jenen Unfassbarkeiten der Geschichte zählen die grausamen Taten der Sekte Colonia Dignidad, die in ihrem hermetisch abgeriegelten Dorf in Chile über Jahrzehnte Menschen einsperrte, missbrauchte und in den Tod trieb. Als Thriller-Drama mit internationalem Staraufgebot um Emma Watson und Daniel Brühl erzählt "Colonia Dignidad" eindrücklich von der fanatischen Gruppierung und ihrem deutschen Sektenführer Paul Schäfer. ProSieben zeigt das bewegende Werk nun als Free-TV-Premiere.

Chile, 1973. Der sozialistische Präsident Salvador Allende wird in einem Militärputsch gestürzt. Zum neuen Machthaber erklärt sich Augusto Pinochet, der das Land sogleich mit harter Hand von den verbliebenen Linken und kritischen Studenten säubern will. Zu jenen gehört auch der Deutsche Daniel (Daniel Brühl), der die Allende-treuen Aktivisten mit seinen Fotografien unterstützt. Gerade erst hat ihn seine Freundin Lena (Emma Watson), die als Stewardess arbeitet, mit ihrem Besuch überrascht, da ziehen schon Pinochets Truppen schlagend und mordend durch die Straßen. Als Daniel die Taten der marodierenden Horden dokumentieren will, werden die beiden von der Geheimpolizei festgenommen.

Lena kommt recht schnell wieder frei, für Daniel hingegen beginnt eine jahrelange Tortur. Man deportiert den jungen Mann nach Süden, in die berüchtigte Siedlung Colonia Dignidad. An jenem abgelegenen Ort gründete der aus Deutschland ausgewanderte Möchtegernprediger Paul Schäfer - von Michael Nyqvist erschreckend glaubwürdig verkörpert - 1961 eine streng autoritäre Glaubensgemeinschaft, abgeriegelt wie eine Militärbasis. Die Bewohner, oder besser: Insassen, haben keine Wahl, als sich dem brutalen pseudoreligiösen und kryptofaschistischen Regime zu unterwerfen, das Schäfer, der sich täglich an Kindern verging, mit Unterstützung der Pinochet-Diktatur ausbaute.


Die Geschichte des jungen Liebespaares, getrennt durch die widrigen Umstände einer menschenverachtenden Diktatur, erzählt Oscarpreisträger Florian Gallenberger selbstredend nur, um die historischen Ereignisse verdichten zu können. So geraten die Taten und Entscheidungen der beiden - trotz solider Leistungen von Brühl und Watson - bisweilen arg hölzern und wenig nachvollziehbar.


Die große Leistung des enorm spannenden und zugleich wahnsinnig bedrückenden Thriller-Dramas ist denn auch weniger seine spezifische Handlung oder Dramaturgie. Sondern vielmehr, dass "Colonia Dignidad" den Opfern der "Kolonie der Würde" Letztere tatsächlich ein Stück weit zurückgibt: indem sie den beinah vergessenen Wahn wieder ins kollektive Gedächtnis holt, indem sie die historische Unfassbarkeit in Bildern deutlich macht, und auch, indem sie die Schuld der Verantwortlichen aus Macht und Politik konkret benennt.


Maximilian Haase
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