Tatort: Dunkle Zeit - So. 17.12 - ARD: 20.15 Uhr

Zum Rechtsruck der Nation

Der Mann hat "Sympathy For The Devil" als Klingelton. Doch was zu viel ist, ist zu viel. Den norddeutschen Punkrockpolizisten Falke (Wotan Wilke Möhring) als Personenschützer auf eine Rechtspopulistin anzusetzen - man möchte sagen, es grenzt an Folter. Kein Wunder, dass man selten einen grantigeren Kommissar in einem "Tatort" gesehen hat. Aber natürlich leidet er für uns! Für "uns"? Schon recht: Für jene 87,4 Prozent der Stimmberechtigten, die bei der letzten Bundestagswahl ihr Kreuzchen nicht bei der AfD gemacht haben. "Dunkle Zeit" ist der wahrscheinlich überfällige "Tatort" zur großen sozialen Spaltung in Deutschland. Niki Stein hat ihn geschrieben und gedreht.

Der hoch dekorierte Autorenfilmer ("Rommel") ist überzeugt: Ein ARD-Sonntagskrimi, der nicht von der gesellschaftlichen Wirklichkeit seiner Zeit erzählt, sei "Verschwendung von Ressourcen". 2015 äußerte er das, anlässlich seines Reizthema-"Tatorts" über Stuttgart 21 ("Der Inder"). Es folgte 2016 ein gewagt flirrendes Sci-Fi-Stück über die Gefahren Künstlicher Intelligenz ("HAL"). Und nun sein Kommentar zum Rechtsruck der Nation. Viel größer, viel brisanter geht es derzeit nicht. Versteht sich, dass reale Vorbilder fiktionalisiert wurden.

"Die Neuen Patrioten" heißt die Partei, um die es hier geht, und die Fraktionsvorsitzende Nina Schramm (Anja Kling) ist nicht ihr Hirn, wohl aber ihr telegenes Gesicht. Eine Wahl steht an, linksextreme Gruppen drohen in Internetvideos mit Mordanschlägen, da stirbt auf einer Landstraße bei Lüneburg Nina Schramms Gatte und Gesinnungsgenosse Richard (Udo Schenk) durch eine Autobombe. Der Anschlag habe eigentlich der bedrohten Spitzenkandidatin gegolten, eifern die rechten Funktionäre. Die Bundespolizei steht am Pranger. Hat sie die Gefährdungslage unterschätzt?


Falke und Kollegin Grosz (Franzsika Weisz) ermitteln also aus der Defensive heraus - und sie müssen einen politischen Feind schützen, der sie nicht nur beschimpft, sondern gelegentlich auch umarmt. Sie wisse, dass sie Überstunden mache und vom Staat ausgenutzt werde, gibt die Patrioten-Amazone gegenüber Julia Grosz mildherzig zu verstehen. Sie sei auf ihrer Seite. Populistische Verführungstechnik aus dem Lehrbuch.


Trotzdem braucht dieses ambitionierte Polit-Stück eine Weile, um sich freizuschwimmen, um den Themenballast abzustreifen und zu einer packenden Krimi-Dramaturgie zu finden. Zwei Linksradikale auf der Flucht geben sich gegenseitig und dem Zuschauer Rätsel auf. Nebenbei wird ins Innere einer scheinmoralischen Wutbürgerpartei geleuchtet. Der Vorwurf des EU-Subventionsbetrugs steht im Raum. Unter den Führungskadern herrscht ein erbitterter Machtkampf. Um nicht zu sagen: ein mörderischer?


Wenig überraschend tritt auch noch der schmierige Betreiber eines rechten Nachrichtenportals auf den Plan - hübscher Name: "Stolz und Vorurteil"! Das alles führt zu einer doch gewagten erzählerischen Strategie: eine Bewegung, die viel Kraft aus dem Verbreiten von Verschwörungstheorien bezieht, mit der Geschichte einer Verschwörung bloßzustellen - ob das verfängt?


Bei den Adressaten wahrscheinlich eh nicht. Ob sich die Volksvertreter Gauland, Meuthen und Weidel überhaupt an öffentlich-rechtlicher Krimiunterhaltung delektieren, sei mal dahingestellt. Dabei hätten sie an manchem Schlagabtausch dieses schlau getexteten Drehbuchs bestimmt ihre Freude.


So ist es am redseligen Falke, die Werte der liberalen Gesellschaft wortreich zu verteidigen. Als die Patrioten-Frau Schramm etwas von straffälligen Migranten faselt, läuft der Nord-Cop zu großer Form auf. Er sei in Hamburg-Billstedt aufgewachsen, entfährt es ihm, da habe er als "Kartoffel" natürlich von den Türken "aufs Maul" bekommen. Aber dann habe er sich im Boxklub angemeldet, und plötzlich waren die Türken stolz, dass da ein Deutscher trainiert. Der Vorsitzende Ali sei noch heute sein Freund. "Das ist mein Deutschland!" - Kunstpause. Gänsehaut! Ende der Debatte? Nicht ganz.


Als Falke fast zur Tür raus ist, fährt die Widersacherin den spitzen Konter: "Herr Falke, da wo Sie aufgewachsen sind, habe ich bei den letzten Bürgerschaftswahlen mit meiner Partei 13 Prozent geholt."


Jens Szameit
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