Blau ist eine warme Farbe - So. 14.01 - 3sat: 22.15 Uhr

Zärtlich bis besitzergreifend

Den Schlüsselsatz in "Blau ist eine warme Farbe" (2012) überhört man fast. "Liebe kennt keine Geschlechter", meint irgendwann ein älterer Schwuler in einer einschlägigen Bar. Schülerin Adèle (Adèle Exarchopoulos) nickt dazu höflich, aber zerstreut. Wie wahr das Gesagte für sie ist, begreift sie nicht. Sie wird es ebenso freud- wie leidvoll erfahren.

Mit ihren bald irritierten, bald sanften braunen Augen, dem stummen Seufzer des Begehrens auf ihren Lippen und den rundlichen Wangen, die sich schnell röten, ist Adèle ebenso wie die Namensvetterin, die sie verkörpert, die schönste und erotischste Erscheinung des Jahres 2012. Und die am verzweifeltsten liebende. Bei aller Jugendlichkeit wirkt Adèle immer etwas schläfrig - oder so, als ob sie einen Nebel nicht lichten kann. Filmemacher Abdellatif Kechiche ("Couscous mit Fisch") enthält seiner Hauptfigur eine wichtige Selbsterkenntnis vor. "Blau ist eine warme Farbe" ist an der Stelle kalt zu Adèle.

Für die 15-Jährige könnte alles so einfach sein. Sie könnte mit Thomas (Jérémie Laheurte) gehen, dem Schwarm der Klasse. Gemessen an ihrem Alter, haben die beiden wunderbaren Sex. Aber Adèle fehlt etwas - oder besser: jemand. Noch vor ihrem ersten Date mit Thomas hat sie sie gesehen, das Mädchen mit den blauen Haaren (Léa Seydoux), Arm in Arm mit der Geliebten. Da wird die Leinwand zur sensiblen Haut: Die Straßengeräusche verschwinden zugunsten des wunderbaren Titelchansons, das Cinemascope-Format fasst Adèle so ins Bild, dass wir ihren beschleunigten Herzschlag in uns zu spüren meinen.


Später, nach ersten Erlebnissen mit dem eigenen Geschlecht, trifft sie die Kunststudentin Emma, wie die Angebetete heißt, in einer Lesbenkneipe wieder. Sie werden ein Paar, haben leidenschaftlichen Sex und ziehen zusammen. Adèle ist glücklich, doch die Fliehkräfte, sehr sozialer Natur, sind da: Sie, die Kleinbürgertochter, die Kindergärtnerin und Grundschullehrerin wird, genügt bald nicht mehr der aus gutem Hause stammenden Emma, die zur gefeierten Künstlerin aufsteigt. Als Emma sich mehr und mehr entzieht, tut sich ein Abgrund der Einsamkeit für Adèle auf.


Sicher ist "Blau ist eine warme Farbe" ein Film über lesbische Liebe - mehr noch aber vielleicht über das Dilemma einer schönen junge Frau, nur eine einzige Person lieben zu können, die eben - zufällig? - eine Frau ist. Gelegentlichen Sex wird sie danach nur noch mit männlichen Partnern haben. Adèle Exarchopoulos gibt der Heldin in so aussichtsloser Lage eine naive Unbedingtheit des Fühlens, wie sie eigentlich nur das Leben selbst kennt.


Andreas Günther
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