Ein sehr deutsches Krankenhaus

So gut ist die historische Medizin-Serie "Charité" (ab Dienstag, 21.03., 20.15 Uhr, im Ersten)

"Charité" gilt als eines der wichtigsten deutschen Serienprojekte im Jahr 2017. Nicht nur, weil es eine TV-Serie von Sönke Wortmann ist, sondern vor allem, weil sich das deutsche Fernsehen zum ersten Mal an einer historischen Medizinserie versucht. Im Vorfeld wurden deshalb Vergleiche zu Steven Soderberghs "The Knick" angestellt, jener Serie, die an einem New Yorker Krankenhaus des Jahres 1900 spielt. Freilich, ohne dass man etwas vom deutschen "Pendant" gesehen hatte. Die Geschichte von "Charité" setzt ein gutes Jahrzehnt früher ein, im Dreikaiserjahr 1888. Am Donnerstag stellte die ARD ihre sechsteilige Serie, die am Dienstag, 21. März, um 20.15 Uhr, mit einer Doppelfolge startet, in Hamburg der Presse vor. Die Reaktionen waren wohlwollend. "Charité" ist eine gut gemachte, aber auch altmodische und ziemlich deutsche Serie.

Zwei Ärzte gehen einen langen Klinikgang entlang. In ihrem Dialog muss in weniger als zwei Minuten alles erklärt werden: Wer sie sind, was sie gerade vorhaben, in welcher Zeit sie leben und welche Konflikte sie drücken. Beiläufiges und damit lebensnahes Erzählen, ein wichtiger Grundpfeiler dessen, was man heute etwas schwammig "moderne Serie" nennt, sucht man in solchen "Charité"-Szenen vergebens. Hier muss, so will es die deutsche Fernsehtradition, immer alles in Worten erklärt werden.

Der Zuschauer wird als Schüler begriffen, dem man eine gute Didaktik bieten will. Tatsächlich hört man in Folge eins von "Charité" ein wenig das Papier rascheln. Da geraten Figuren und Szenen schon mal etwas hölzern, was weniger am wilhelminischen Zeitalter, sondern eher an der Machart des Sechsteilers liegt. Ab Folge zwei machen sich Figuren und Story ein wenig locker, so viel sei zur Ehrenrettung des Formats gesagt. Der Beginn des Ensemble-Stückes über drei spätere Nobelpreisträger sowie eine junge, tatendurstige Heldin, die die Handlung zusammenhält, geriet den Autorinnen Dorothee Schön ("Der Minister") und der Medizinerin Sabine Thor-Wiedemann jedoch schon unerwartet konventionell.


Was wird erzählt? Das mittellose Berliner Kindermädchen Ida Lenze (Alicia von Rittberg) wird mit schwerer Blinddarmentzündung ins Berliner Armenkrankenhaus Charité eingeliefert. Der ehrgeizige Arzt Emil Behring (Matthias Koeberlin) operiert das Mädchen vor Studenten, dem Tod springt sie dabei nur knapp von der Klinge. Weil die mittlerweile entlassene Ida ihre Krankenhauskosten nicht tragen kann, wird sie im Dreikaiserjahr 1888 als Krankenhaus-Helferin eingestellt, um so ihre Schulden zu begleichen. Zeit und Ort für die Miniserie, deren Fortsetzung bereits konzipiert wird, sind nicht ganz zufällig gewählt. Politisch befand sich Deutschland damals im Wandel. Nach dem Tod des greisen Kaisers Wilhlem I. erfreute sich dessen an Kehlkopfkrebs erkrankter Sohn Friedrich III. nur 99 Tage des Throns, ehe er seinem Sohn Wilhelm II. Platz machen musste. Der führte Deutschland später in den Ersten Weltkrieg.


Die politische Situation Deutschlands, das Entstehen moderner Städte, die Industrialisierung und damit einhergehenden Hygieneprobleme in Massenunterkünften, das Entstehen der modernen Medizin mit den späteren Nobelpreisträgern Robert Koch (Justus von Dohnányi), Paul Ehrlich (Christoph Bach) und Emil Behring (Matthias Koeberlin) - all dies muss in dieser ersten Folge "Charité" gewuppt werden.


Hinzu kommt eine kämpferische, junge Heldin, die selbst gern Medizin studieren würde - was in Deutschland damals als einzigem "modernen" Land noch verboten war, was man ebenfalls in Folge eins lernt - puh, es ist viel Stoff, der hier auf dem Zuschauer abgeladen wird. Erst nach und nach werden die Geschichten in "Charité" feinporiger, die Charaktere ziehen mehr in ihren Bann. Der alternde Robert Koch lebt eine Amour fou mit der jungen Boulevard-Schauspielerin Hedwig Freiberg (Emilia Schüle), der aus armen Verhältnissen stammende Emil Behring kann seinen schonungslosen Karriere-Trip nur durchziehen, weil er selbst in den Opiat-Schrank greift. Und der alte Klinikvater Rudolf Virchow (Emil Stötzner)? Er träumt vom sozialen Fortschritt unter dem sterbenskranken Kaiser Friedrich III.


In Prag gedreht, gut ausgestattet, medizinhistorisch kompetent beraten und von Klasse-Kameramann Holly Fink in feine Bilder gegossen: Man darf viele Szenen und den Look von "Charité" als durchaus gelungen bezeichnen. Spannend ist die Serie tatsächlich immer dann, wenn diagnostiziert und operiert wird. Dann, wenn klar wird, welch rasanten Fortschritt die Medizin in den vergangenen 130 Jahren genommen hat. Als Produzent Nico Hofmann das Projekt vor fünf Jahren erstmals vorgestellt wurde, glaubte er selbst nicht an eine Realisierung, wie er in Hamburg verriet. "Das guckt doch keiner, dachte ich, doch die beiden Damen haben mich überzeugt."


Heute ist Hofmann mit dem für den MDR produzierten Produkt sehr glücklich. "Nach ihrer Recherche sagten mir die Autorinnen, der Stoffvorrat der Charité würde mehr Melodram vorweisen als ein ganzer Satz Folgen 'Gute Zeiten, schlechte Zeiten." Auch den Vorwurf der Nachahmung von "The Knick" lehnt Hofmann ab. "Wir haben mit der Stoffentwicklung begonnen, zwei Jahre bevor wir erstmals von The Knick hörten." Tatsächlich kann man die beiden Serien auch ästhetisch nicht vergleichen. Wo "The Knick" mit expressiven, teilweise drastischen Bildern arbeitet und auch verstörende Elemente wie elektronische Musik einsetzt, will "Charité" schöne, nicht zu schmutzige Historienbilder zaubern, die sich auch ein an klassischen Serien geschultes deutsches Primetime-Publikum gerne anschaut.


Wenn "Charité" auf dem für die ARD meist erfolgreichen Dienstags-Sendeplatz reüssiert - nach der Doppelfolge zum Auftakt mit anschließender Dokumentation werden an den folgenden Dienstagen Einzelepisoden ausgestrahlt - soll die Handlung mit einem Zeitsprung weitergeführt werden. Ein paar Staffeln, etwa im Stil des ebenfalls vom MDR betreuten "Weissensee", stellen sich die Macher vor. Ein bisschen erinnert "Charité" auch an die erfolgreiche DDR- und Wendeserie des Ersten. Hier wie da wird deutsche Geschichte mit den Mitteln der Edel-Soap ausgeleuchtet. Auf radikaleres Serienfernsehen aus Deutschland zur besten Sendezeit wird man indes weiter warten müssen. "Charité" wollte und sollte das ARD-Programm wohl von Beginn an eher qualitativ bereichern denn verändern.


Eric Leimann
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