"Eine Zeit, in der was brodelt"

Ist das die herbeigesehnte TV-Sensation? - Tom Tykwer stellt seine Serie "Babylon Berlin" vor

Am 13. Oktober wird man Deutschlands teuerste und, wenn es nach dem Geschmack der Kreativen und Vermarkter um Tom Tywker geht, die Zukunft verändernde Serie "Babylon Berlin" endlich zu Gesicht bekommen. Zumindest jene Zuschauer mit Sky-Abo. Wer auf die ARD-Ausstrahlung von "Babylon Berlin" wartet, muss sich an einem noch längeren Geduldsfaden entlanghangeln. Erst Ende 2018, so Programmdirektor Volker Herres bei der Vorstellung des Ende 2016 abgedrehten Projektes am Donnerstagabend in Berlin, wird das Premium-Produkt zur Primetime und in "konzentrierter Form" im Ersten zu sehen sein. Immerhin stellten Tykwer, seine Co-Regisseure Achim von Borries und Henk Handloegten, sowie die Hauptdarsteller Volker Bruch und Liv Lisa Fries die Serie am Vorabend der Berlinale schon mal der Presse vor. Die war sogar aus Hollywood angereist.

Es scheint übertrieben, über eine Kriminalserie, die im Berlin des Jahres 1929 spielt, die dräuende Entwicklung der Weimarer Republik zu Nazi-Deutschland nachvollziehen zu können. Doch Tom Tykwer ("Cloud Atlas") wäre nicht Tom Tykwer, wenn er vor großen Projekten Angst hätte.

"Man konnte beim Entstehen dieser Serie auf sehr einfache Weise Bezüge zur Gegenwart herstellen", erklärt der Filmemacher im Gespräch. "Wir sind in einer Zeit, in der was brodelt. Es gibt eine Verunsicherung. Wir finden diesen Hintergedanken in den Episoden, die wir gedreht haben, dass man sich in Erinnerung rufen muss: Die Leute, die da lebten, befanden sich dreieinhalb Jahre vor der Machtübernahme der Nazis. Und keiner hatte einen Schimmer davon." Tykwer spricht von einem Spannungsfeld, das in der Serie mitschwingt. "Ohne dass man es ausspricht".


Vordergründig erzählt "Babylon Berlin" die Geschichte des jungen Kölner Kommissars Gereon Rath (Volker Bruch, "Unsere Mütter, unsere Väter"), der in die Hauptstadt versetzt eine Erpressung aufklären soll - die mit einem Pornoring der Berliner Mafia zu tun hat. Gemeinsam mit der Stenotypistin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries, "Und morgen Mittag bin ich tot") gerät der Ermittler in einen Sog von Korruption, Drogen- und Waffenhandel. Nichts ist, wie es scheint. Aber alle tanzen auf dem Vulkan der "Goldenen Zwanziger", einer dem Untergang geweihten Epoche der Modernität und Freiheit in Deutschland.


Sechs Romane um Kommissar Gedeon Rath hat der Kölner Autor Volker Kutscher bislang verfasst - und er will weiterschreiben. 16 Folgen "Babylon Berlin" à 45 Minuten - Sky beginnt mit einer Doppelfolge am Freitagabend, 13. Oktober, 20.15 Uhr - erzählen den ersten Roman "Der nasse Fisch".


Tykwer bezeichnete die 2.500 Stunden Drehmaterial, aus denen er mit seinen Autoren- und Regiegefährten von Borries und Handloegten derzeit die Serie entstehen lässt, als erste und zweite Staffel. Allen Beteiligten, die am Donnerstagabend ins historische Tanzlokal Clärchens Ballhaus zur Vorstellung der Serie gekommen waren, sprachen davon, wie es weitergehen soll. Auch wenn nach fünfeinhalb Minuten Trailervorführung und noch lange nicht abgeschlossener Vermarktung keiner sagen kann, wie - gemessen an den hohen Erwartungen - erfolgreich "Babylon Berlin" tatsächlich sein wird, redeten Tykwer und die euphorische ARD Degeto-Chefin Christine Strobl bereits von weiteren Staffeln.


Urteilt man rein nach den gezeigten Bildern, darf man sich auf einen exzellent ausgestatteten, rasant und in drastischen Bildern erzählten Trip in die 20er-Jahre freuen. Das Staraufgebot dürfte für eine deutsche Produktion beispiellos sein: Matthias Brandt, Hannah Herzsprung, Lars Eidinger, Benno Fürmann, Jördis Triebel oder Jeanette Hain sind nur einige aus dem Riesen-Cast des zwölfstündigen Epos, dessen künstlerische und wirtschaftliche Bedeutung für das deutsche Fernsehen von allen Experten als hoch eingeschätzt wird. Da ist zum einen die Auslandsvermarktung. Jan Mojto, der mit seiner Firma Beta für den Verlauf in die Welt verantwortlich ist, bestätigte in "Clärchens Ballhaus" den Verkauf der Serie an sämtliche staatlichen Sender der skandinavischen Staaten. In England und Italien wird "Babylon Berlin" zunächst bei Sky laufen, in Spanien auf einer großen Streaming-Plattform. Deals mit den USA stünden kurz vor dem Abschluss.


"Babylon Berlin" weist jedoch noch eine andere wirtschaftliche Dimension auf. Denn zum ersten Mal seit dem US-Serienflaggschiff "Homeland" entstand eine großes, teures Serienprojekt in der Hauptstadt selbst. Nun könnte man annehmen, dass dies bei "Babylon Berlin" selbstverständlich wäre, aber das ist es keineswegs. Filme und Serien, die das alte Berlin oder andere europäische Metropolen zeigen, werden heutzutage vorwiegend in Prag gedreht, wo nicht nur ausreichend alte Gemäuer stehen, sondern sich auch eine kostengünstige und professionelle Filmindustrie angesiedelt hat. In Prag entstand beispielsweise auch die ARD-Serie "Charité" von Sönke Wortmann, die das Berlin des Jahres 1888 nachbilden musste.


Für "Babylon Berlin" bekannten Tykwer, ARD sowie Sky Flagge und rüsteten die Babelsberger Filmstudios entsprechend auf: Für die knapp 40 Millionen Euro teure Serie entstanden dort vier komplette Straßenzüge, in denen die schillernde Zeit der späten Weimarer Republik wieder auflebt. Spätestens im Herbst wird man sehen, wie spektakulär und dramaturgisch überzeugend der Trip in die deutsche Vergangenheit, jenes Sittengemälde einer Gesellschaft am Abgrund tatsächlich sein wird.


Co-Regisseur und Autor Henk Handloegten ("Fenster zum Sommer") erinnerte auf dem Podium von "Clärchens Ballhaus" daran, dass es auch früher schon deutsches serielles Erzählen gegeben hätte, das stilprägend und künstlerisch überragend gewesen wäre. Wenn schon, dann würde er "Babylon Berlin" am liebsten mit Edgar Reitz' erster "Heimat"-Staffel aus den 80-ern vergleichen, ein künstlerisch in der Tat visionäres und "anderes Sittengemälde" deutscher Zeit.


Ob ein amerikanischer Journalist, der für den "Hollywood Reporter" am Vorabend der Berlinale zur Vorstellung von "Babylon Berlin" geeilt war, über die Kunst Edgar Reitz' Bescheid weiß? Der Reporter wollte wissen, warum man deutsche Serien wie diese nicht Englisch synchronisiere, damit sie in Übersee einen größeren Markt fände? Ob der Kollege wusste, dass synchronisiertes Material in seiner Heimat kaum vermittelbar ist? Die deutsche Serien-Task Force jedenfalls will einen anderen Weg beschreiten. Produzent Stefan Arndt brachte das Selbstbewusstsein der Macher um Babylon Berlin vielleicht am besten von allen Podiumsteilnehmern auf den Punkt: "Bisher haben wir Deutsche bei solchen Großproduktionen immer nur mitgespielt. Jetzt gestalteten wir das Jahr 1929 selbst. Mit unserem Hauptdarsteller 'Berlin in den 20-ern' besuchen wir die Welt. Das ist super, gar nicht depressiv, und es wird rund um den Globus ausgestrahlt werden."


Die Welt, so war es in "Clärchens Ballhaus" immer wieder zu hören, sei gespannt auf deutsche Serien und Stoffe. Nun muss die Euphorie der Beteiligten nur noch vom Schneidetisch in den Weltmarkt transportiert werden.


Eric Leimann
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