"Death Proof" in der Hansestadt

So clever war der Bremer "Tatort: Nachtsicht"

Jagdszenen aus Bremen: Es ging blutig zu in der neuen Folge aus der Hansestadt, auch wenn man das Grauen, das ein irrer Sexualmörder anrichtete, nicht sehen musste, sondern nur hörte. Ein bisschen fühlte man sich dabei gar an das Tarantino-Werk "Death Proof" erinnert. Nach einigen ziemlich miesen "Tatort"-Folgen aus Bremen war "Nachtsicht" endlich wieder ein Film, der einen tatsächlich mit etwas Wehmut erfüllt angesichts der Ankündigung von Sabine Postel und Oliver Mommsen, im kommenden Jahr ein letztes Mal für den Sonntagskrimi vor der Kamera stehen zu wollen.

Worum ging es?

Ein perverser Mörder machte in diesem "Tatort" die Straßen Bremens unsicher: Mit einem umgerüsteten Auto - nachtschwarz und mit elektrischem Flüstermotor ausgestattet - ging Kristian Friedland (Moritz Führmann, der Ehemann von Anna Schudt, die im Dortmunder "Tatort" ermittelt) auf die Jagd und überfuhr scheinbar zufällig ausgewählte Passanten. Dabei schritt er so grausam zu Werke, dass sogar Gerichtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner) sich beim Anblick der Überreste der Toten übergeben musste. Drei grausam zugerichtete Leichen musste der Zuschauer bis zum Ende des Films zählen.


Worum ging es wirklich?


Als Jost Friedland (hervorragend: Rainer Bock) die Bühne betrat, der Vater des Mörders, schlug der "Tatort" plötzlich eine andere Richtung ein. Nicht mehr die Aufklärung der Mordserie interessierte, vielmehr wurde es hochphilosophisch: Als Zuschauer wurde man unvermittelt mit der nicht leicht zu beantwortenden Frage konfrontiert, ob es denn in Ordnung sei, mit den Eltern des Mörders mitzuleiden. Denn für die Opfer oder deren Angehörigen Mitgefühl zu entwickeln, ließ der Film kaum zu. Dafür wurde das Augenmerk auf die todkranke Mutter des Täters gelenkt. Ihr wollte der Ehemann ersparen, in der Gewissheit sterben zu müssen, dass ihr Sohn ein Mörder ist. Das war perfide, aber auch ziemlich genial.


Wie realistisch ging es zu?


Man hat sich zwischenzeitlich gefragt, wie es sein konnte, dass Kristian Friedland, der irre Automörder, nicht schneller in Gewahrsam genommen wurde. Schließlich stand er schnell als Hauptverdächtiger fest. So hatte der Mann Zeit, weiter zu töten. Als er dann verschwunden war, versteckt von seinem Vater, wartete man vergeblich auf eine Großfahndung seitens der Polizei. Geht die Bremer Polizei derart schlampig zu Werke? Hoffentlich nicht.


Wie überzeugend waren die Ermittler?


Viel zu tun hatten Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) nicht, schließlich war bald klar, dass Kristian Friedland im Todeswagen saß. Der hatte sich mit einem Mobiltelefon selbst verraten. Wahrscheinlich sogar mit voller Absicht, eine Art Hilfeschrei, wie Lürsen analysierte. Fortan blieb für Kommissar Stedefreund kaum mehr, als seine Dauerliebelei mit dem BKA-Eisbeutel Linda Selb (Luise Wolfram) zu pflegen. Und Lürsen? Die blickte mal wieder 90 Minuten lang so bemitleidenswert aus der Wäsche, dass man ihr wünschen wollte, sie möge doch endlich einen Job finden, der sie wirklich glücklich macht.


Wie furchteinflößend war der Mörder?


Eigentlich sah er ja ziemlich harmlos aus, dieser Kristian Friedland. Ein bisschen verschroben wirkte er vielleicht, aber immerhin kümmerte er sich rührend um seine körperlich behinderte Freundin Tajana (Natalia Belitski). Doch tief in ihm schlummerten wahre Abgründe, schließlich tötete er all die jungen Männer, um sich an den Überresten ihrer Leichname sexuell zu ergötzen. Derart abartig ging es lange nicht mehr zu im "Tatort".


Die beste Szene


Immer dann, wenn der junge Friedland in seinem düsteren Wagen nachts auf Jagd ging, fühlte man sich an Quentin Tarantinos "Death Proof" erinnert. Nicht nur, weil es ähnlich brutal zuging. Auch optisch machte der Film (Kamera: Hendrik A. Kley) einiges her. Jene Szene, in der der Psychokiller im Dunkeln einen jungen Mopedfahrer (gespielt von Stuntman Billy Buff) auf die Motorhaube nimmt, versprühte tatsächlich einen Hauch von Hollywood.


Wie gut war der "Tatort"?


Zuletzt stand der Bremer "Tatort" ja nicht gerade für Qualitätsfernsehen, man erinnere sich nur an die hanebüchenen Filme "Der hundertste Affe" und "Echolot". Mit "Nachtsicht" ist den Bremern nun endlich wieder ein wirklich sehenswerter Film gelungen, auch wenn die äußerst blutrünstige Mordserie doch arg an die Substanz ging. Entschädigt wurde man dafür mit einer hintergründigen Meta-Ebene - und das in einem Film, der ausnahmsweise einmal nicht gesellschaftskritisch (Stichwort: Flüchtlingskrise!) sein wollte. Wir vergeben die Note Zwei plus.


Sven Hauberg
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