Mein Onkel, der Kriegsverbrecher

Wie realistisch war der Luzerner "Tatort: Kriegssplitter"?

Man kann nicht sagen, die Schweizer "Tatort"-Macher würden sich beim Publikum anbiedern. Die Tschetschenienkriege als Krimi-Thema: Das riecht per so nach einem sperrigen Unterfangen. Tatsächlich kam im Zuge der Ermittlungen durchaus Spannung auf. Was an den seriösen Kommissaren Flückiger (Stefan Gubser) und Ritschard (Delia Mayer) liegt, noch mehr aber an einem starken Episodenhauptdarsteller ... Aber war das Geschehen auch realistisch?

Was ist geschehen?

Was echten Ermittlern wahrscheinlich selten passiert, "Tatort"-Kommissaren aber alle Nase lang: Flückiger wurde zufällig Zeuge eines Mordes. Ein Journalist, der im selben Hotel abgestiegen war, stürzt an Flückigers Balkon vorbei in den Tod. Dass sich die Affäre des Polizisten unter diesen Voraussetzungen nicht weiter geheim halten ließ, war längst nicht das Brisanteste an dem Vorfall: Es deutete sich ein politischer Tathintergrund an. Der getötete Reporter hatte zuletzt Jagd auf einen tschetschenischen Kriegsverbrecher gemacht, den er unter falscher Identität in Luzern vermutete. Womit er goldrichtig lag, wie sich zeigte!


Ergab die Story Sinn?


Weitgehend schnörkellos ging es in den 90 Minuten unter der Regie von Tobias Ineichen zur Sache. Sieht man davon ab, dass das Geheimnis um Flückigers seit ein paar Folgen thematisierter Liaison gelüftet wurde. Ansonsten lenkte wenig ab von einem Polit- und Familiendrama vor Bürgerkriegshintergrund, das sich so ähnlich in der Wirklichkeit ereignen könnte. Ein paar dramaturgische Zuspitzungen rund um zwei rachsüchtige Geschwisterkinder ausgenommen.


Wie realistisch ging es zu?


Man lernte im Film der Autoren Stefan Brunner und Lorenz Langenegger manches Wissenswerte über die Hintergründe der beiden Tschetschenienkriege (1994-1996, 1999-2009), auch Allgemeingültiges wie die Einsicht, dass es in gewalttätigen Konflikten keine Guten gibt. Ohne größere Abschweife und mit zurückhaltend dosierten Lektionen in Sachen politischer Bildung steuerte der inzwischen zwölfte Luzerner "Tatort"-Beitrag auf eine ebenso dramatische wie leider auch unplausible Auflösung zu ...


Wie furchteinflößend waren die Mörder?


Am Ende durfte man sich schon wundern: Wie um Himmels willen soll bitte die betagte Tschetschenin, gutmütige Frau des untergetauchten Kriegsverbrechers Ramzan Khaskhanov (Jevgenij Sitochin), einen stämmigen Journalisten über die Balkonbrüstung geworfen haben? Ebenso fragwürdig: Warum wurde Khaskanovs Neffe, der nette Versicherungsangestellte Nurali Balsiger (Joel Basman), wegen Mordes überführt, nachdem er doch ganz offensichtlich in Notwehr handelte?


Wie überzeugend waren die Ermittler?


Manchmal würde man ihnen ein bisschen mehr Lockerheit und Leichtigkeit wünschen: Reto Flückiger, dem knurrigen Hausbootbewohner, der sich eine verheiratete Geliebte gönnt. Und Liz Ritschard, der aufrechten, aber immer auch etwas traurig dreinschauenden Polizistin mit dem Herz am rechten Fleck. Ihren Job haben die beiden jedoch auch diesmal tadellos erledigt - und sogar einen tschetschenischen Killer mit vereinten Kräften überwältigt. Respekt!


Welche Episodenfigur stach heraus?


Zweifellos war es die Schlüsselrolle in diesem Film über Heimat, Schuld und Migration: Joel Basman spielte Nurali Balsiger, einen vorbildlich in der Schweiz integrierten jungen Mann, der einst als Kriegsflüchtling kam und nun von seiner Vergangenheit bitter eingeholt wurde. Getragen wurde der Part von einer starken schauspielerischen Leistung, was keinen verwundern kann, der den 27-jährigen gebürtigen Zürcher etwa als durchgeknallten Rostocker Neonazi in "Wir sind jung. Wir sind stark." sah. Auch im George-Clooney-Film "Monuments Men" war Joel Basman mit von der Partie. Da deutet sich eine große Karriere an.


Gab es im Tschetschenienkrieg wirklich "Schwarze Witwen"?


Anstoß der Filmhandlung: Eine junge Tschetschenin (Yelena Tronina) glaubte, herausgefunden zu haben, dass ihr in Luzern untergetauchter Onkel einst ihre Mutter zu einem Selbstmordattentat erpresst hatte. Gab es solche "Schwarzen Witwen" im Tschetschenienkrieg wirklich? Ja, die gab es. Sogar in großer Vielzahl. Im Konflikt mit Russland verbreiteten sie über viele Jahre Angst und Schrecken. Unter anderem gehen ein Angriff auf ein Moskauer Rockkonzert im Jahr 2003 mit 15 Toten sowie der auf zwei russische Linienmaschinen im Jahr 2004 mit insgesamt 90 Toten auf das Konto von "Smertnizy", also Selbstmörderinnen. Als tatsächlich extremistisch wurden jedoch nur wenige dieser Kamikaze-Frauen eingestuft. Die meisten, so belegen Untersuchungen, wurden manipuliert und unter Druck gesetzt. In diesem Punkt ist der "Tatort" also ganz nah dran an der Realität.


Wie gut war der "Tatort"?


Die Tschetschenienkriege als "Tatort"-Thema - das ist ein mutiger, weil nun wirklich nicht auf der Hand liegender Zug. Fraglich, ob derlei "Kriegssplitter" beim breiten Publikumsinteresse ins Schwarze treffen. Und doch: Den oft kritisierten Schweizern gelang mal wieder ein seriöser, hintergründiger und ansatzweise spannender Sonntagskrimi. Wir vergeben die Schulnote Drei.


Jens Szameit
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