Die Sendung mit dem Klaus

"Borowski und das dunkle Netz" - ein Cyber-Krimi für Anfänger und Fortgeschrittene

Warum wurde Rosi beim bloßen Anblick von Blut scharf wie Nachbars Lumpi? Wieso hat sich der Täter nochmal den Finger abgehauen? Und muss man wirklich ein Handy gleich wegwerfen, nur weil es mal ein bisschen Emotionen zeigt? - Der Kieler "Tatort" warf durchaus Fragen auf. Aber egal: Bei "Borowski und das dunkle Netz" vergingen die 90 Minuten schnell, visuell war der Film Königsklasse, und für die Botschaft, dass das Darknet mehr ist als nur ein Umschlagplatz für kriminellen Handel wird manch einer auch dankbar sein.

Was war los?

Jürgen Sternow, Leiter der Spezialabteilung Cyber-Crime des Landeskriminalamtes Kiel, wurde von einem Auftragskiller niedergestreckt. In einem öffentlichen Umfeld, mit vielen potenziellen Zeugen und einem miserablen Fluchtweg. Aber jener Killer, so zeigte sich bald, war eh ein einigermaßen Irrer, der sich übers Darknet anheuern ließ. Nachdem seine Karriere ein selbst gewähltes Ende im Knast findet, mussten die beiden Kommissare Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) Jagd auf den Hintermann machen, den der Zuschauer natürlich längst kennengelernt hatte. In einem fulminanten Showdown ging er am Ende in seine eigene Falle und ließ eine völlig verstörte Sarah Brandt zurück.


Wie schlug sich Sibel Kekilli bei ihrer Abschiedstour?


Beileibe nicht immer musste die mehrfach preisgekrönte Schauspielerin in ihren bisherigen "Tatort"-Auftritten seit 2010 an ihre Grenzen gehen. Diesmal schon. Am Ende schlief sie erschöpft ein, wurde zugedeckt von ihrem Vorgesetzten und erhielt zu Recht noch ein Lob vom LKA: "Gut gemacht", flüsterte ihr der Altvordere zu. Dem ist denn auch nichts hinzuzufügen. Ihren letzten Auftritt an der Seite von Axel Milberg hat sie am Sonntag, 21. Mai, in "Borowski und das Fest des Nordens" nach einer Vorlage von Henning Mankell. Sibel Kekilli verlässt den "Tatort" auf eigenen Wunsch.


Wie realistisch war das alles?


Bei der Beschreibung des Darknets hielten sich die Autoren an die Fakten. Gut auch, dass es hier nicht zur allgemein üblichen Verteufelung eines anonymen Bereichs im Internet kam, sondern auch die Vorzüge erklärt wurden. Richtig auch, dass die Cyber-Crime-Abteilungen der Polizei chronisch unterbesetzt sind. Einen sehr plausiblen Grund dafür führt Sven Uckermann an, T-Sicherheitsexperte bei Toppoint e.V. und Fachberater beim "Tatort": "Die Gehaltstabellen des öffentlichen Diensts sind nicht attraktiv für einen IT-Sicherheitsexperten. Die Ausbildung ist anspruchsvoll und extrem spezialisiert, vergleichbar eventuell mit einem Hubschrauberführer. Diese erhalten eine Zulage, extra Abzeichen auf der Uniform, genießen hohes Ansehen und müssen sich nicht, wie im 'Tatort' gesehen, vom Leiter des LKA im Keller beleidigen lassen. Attraktive Arbeitsplätze sehen anders aus." Dass die beiden Cyber-Nerds allerdings einsam und verlassen inmitten eines fast turnhallengroßen Büros ermitteln, ist eher auf die Symbolkraft dieser Bilder denn auf die Realität zurückzuführen.


Ergab die Story Sinn?


Selbst Hauptdarsteller Axel Milberg räumt ein, dass Regisseur David Wnendt hier zwar "einen spektakulären Film" gedreht habe, den er aber "immer noch nicht ganz checke". Zwischen "Bitcoins" und dem empathischen Smartphone "Sabine" mag sich mancher Zuschauer auf den virtuellen Marktplätzen verlaufen haben. Am Ende aber schloss sich der Kreis, und auch Laien sind fortan ein bisschen schlauer.


Wie glaubhaft wirkten die Täter?


So einen Schurken wie den Auftraggeber mag es ja noch geben. Gierig eben, verschlagen und im eigenen Beruf den Verführungen erlegen. Ein Typ wie der Killer Hagen Melzer allerdings, von Maximilian Brauer - sagen wir - eindringlich gespielt, fällt aber womöglich eher in die Rubrik "am Schreibtisch ersonnener Wahnsinniger, der sich mal eben den Finger abhaut". Die Figur war dann doch zu deutlich "drüber" und tat der Glaubwürdigkeit des Films damit keinen Gefallen.


Die besten Szenen ...


Mit Benedict Neuenfels wurde ein Kameramann der Sonderklasse engagiert, dessen Timing nahezu perfekt war. Höhepunkt: die Comic-Ausflüge Borowskis ins Darknet. Das war so ein bisschen "Sendung mit der Maus", aber trotzdem stylish.


Wie gut war der "Tatort"?


Wenn sich ein Film eines solch komplizierten Themas annimmt, läuft er stets Gefahr, seine Zuschauer zu überfordern, zu langweilen - oder beides. Hier aber ist gute Unterhaltung gelungen - mit einer passenden Portion Humor, tragischen Momenten und das im angemessenen Tempo. Wir vergeben die Note zwei.


Kai-Oliver Derks
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