Netflix makes Fernsehen great again

Der US-Streaminggigant Netflix hat 2017 lauter Hits im Programm

Hunderte Couchs vor der riesigen Leinwand in einer noblen Event-Location, darin hunderte Journalisten aus ganz Europa: Bei Netflix wird nicht gekleckert. Hier wird geklotzt. Schließlich geht es dem Streaming-Dienst aus den USA darum, das Fernsehen great again zu machen. In Berlin haben die Neuerfinder der TV-Unterhaltung ihr Programm für die kommende Season vorgestellt und dabei einerseits den Fokus auf europäische Eigenproduktionen gelegt, andererseits natürlich den hauseigenen Serienhits jede Menge Platz eingeräumt. So tummelten sich auf der Bühne die Macher der ersten deutschen Netflix-Produktion "Dark", eine Handvoll schöner Spanierinnen, der Berliner Chefkoch Tim Raue, "Better Call Saul"-Hauptdarsteller Bob Odenkirk, Kate Mulgrew und Uzo Aduba vom Dauerbrenner "Orange Is The New Black" ? Und natürlich hat es sich Netflix-Chef Reed Hastings nicht nehmen lassen, die Zukunft des Fernsehens für ziemlich great zu erklären.

Mehr als 1.000 Stunden eigenen Content will Netflix in diesem Jahr unter sein mittlerweile fast 100 Millionen Abonnenten starkes Volk bringen. Selbstredend, so will es die Sender-PR suggerieren, ist jede einzelne dieser 60.000 Minuten beispielhaft für neue Qualitätsstandards, für neue Erzählperspektiven, für neue thematische Horizonte. Reed Hasting ging sogar noch weiter und erklärte Netflix zu einer Art Vereinte Nationen der Fernsehzuschauer: "Bei Netflix geht es um Freiheit, bei Netflix geht es darum, Kulturen kennenzulernen und Grenzen zu überwinden."

In gewisser Weise hat er sogar recht. Netflix stärkt 2017 den europäischen Produktionsmarkt, in den das Unternehmen bislang 1,75 Milliarden US-Dollar steckte, nicht nur mit dem lange erwarteten deutschen Zehnteiler "Dark", der im Herbst starten soll. Der erste Trailer ist vielversprechend, die Serie verspricht, ein düsterer, spannender Mix aus Mystery und Crime zu werden, springt zwischen Zeitebenen und will tief in die Herzen von vier deutschen Familien schauen, die nach dem Verschwinden zweier Kinder in Aufruhr sind.


Während man sich in Italien in der düsteren Thrillerserie "Suburra" mit den Verflechtungen von Kirche, Staat und Mafia beschäftigt, kommen aus Spanien die farbenfrohen "Las Chicas Del Cable" (ab 31. März): Fünf Damen mit unterschiedlichen Erwartungen an das Leben emanzipieren sich in den 1920er-Jahren von überkommenen Machismen und freuen sich als "Fräuleins vom Amt" bei einer Telefongesellschaft auf die schöne (damals) neue Kommunikationswelt. Übrigens: Noch bevor die erste Staffel verfügbar ist, hat Netflix eine zweite in Auftrag gegeben.


Neue Staffeln gibt es in diesem Jahr auch vom Netflix-Dauerbrenner "Orange Is The New Black", der am am 9. Juni in die fünfte Runde geht und dem quasi-"Breaking Bad"-Prequel "Better Call Saul". Hauptdarsteller Bob Odenkirk verriet schon, dass der liebenswert-schrullige Anwalt Jimmy McGill in der dritten Staffel endlich zu Saul Goodman wird - allerdings nicht so, wie man das vielleicht erwarten würde.


Highlights im Netflix-Lineup 2017 dürften David Finchers Serienkiller-Opus "Mindhunter" (ab Herbst) und "Glow" (ab 23. Juni) werden, eine Comedy-Serie über den kurzlebigen Versuch, in den 1980er-Jahren Frauenwrestling in den USA zu etablieren. Außerdem hat Netflix die Antiken-Saga "Troy: Fall of a City" über den Fall Trojas im Programm und schickt Brad Pitt als "War Machine" in einem Netflix-Movie in den Mittleren Osten. Die Bestselleradaption "Tote Mädchen lügen nicht" (OT: "13 Reasons Why") richtet sich an Teeanger, neue Staffeln von "Sense8", "Stranger Things"und "Marseille" sind für all jene, die gerne - auch ohne des Dudens Segen - bingewatchen.


Netflix machte auf der Programmvorschau ziemlich klar, worauf es im modernen Fernsehgeschäft ankommt. Immer mehr Input, immer glanzvollere Produktionen, immer mehr Stars. Und ganz wichtig: Immer etwas Neues. Was ist eine Serie schon wert, wenn sie nicht mindestens ein ganzes Genre revolutioniert? Eine Serie genießen und vielleicht etwas nachwirken zu lassen, das scheint außer Mode gekommen zu sein.


Reed Hastings ist einer, der die Entwicklung natürlich vorantreibt. Der Netflix-CEO erinnert sich noch an den Start des Unternehmens als DVD-Versandvideothek. 20 Jahre ist das schon her. Man habe damals schon darauf gewartet, irgendwann das Streaminggeschäft aufbauen zu können. Dem Visionär waren jedoch Fesseln angelegt, solange das Internet nicht schnell genug war, um die Datenmenge zu transportieren. Er hat damals schon geahnt, was heute Gewissheit ist: "Das Internet ist die größte Macht in der Geschichte der Menschheit." Mittlerweile ist die Netflix-Power entfesselt, es geht heute um 4K-Auflösung, um HDR, um Surroundsound.


Aber auch wenn es dem Netflix-CEO im Streaminggeschäft nach eigenem Beteuern um mehr geht, als bloße Unterhaltung: Man muss sich als Zuschauer auch etwas Zeit nehmen dürfen. Sonst bleiben von der neuen spanischen Serie "Las Chicas Del Cable" (ab 31. März) über das Leben und Arbeiten im Spanien der Vor-Franco-Zeit nur schöne Frauen und Almodovar-bunte Bühnenbilder in Erinnerung. Und die werden dann auch noch von all den anderen Serien übertüncht: Die mehr als 1.000 Stunden Eigenproduktionen reichen für fast drei Stunden tägliches Netflixen.


Andreas Fischer

Trailer

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