Mithalten können

Mit Matthias Schweighöfers Serie "You Are Wanted" präsentiert Amazon seine erste deutsche Eigenproduktion

Wer hätte das vermutet: Die ersten deutschen Original-Serien der beiden großen Streamingdienste sind weder Krimis noch Komödien, weder historisch noch heimattümelnd. Vielmehr wagen sich die hiesigen Eigenproduktionen von Netflix und Amazon auf hierzulande skeptisch beäugtes Terrain: Während Reed Hastings' VoD-Riese mit "Dark" eine düstere Kleinstadt-Mystery à la "Stranger Things" angeht, konnte Hauptkonkurrent Amazon mit einem veritablen Hacker-Thriller das Rennen um die frühere Veröffentlichung bereits gewinnen: Ganz kosmopolitisch "You Are Wanted" nennt sich das Ergebnis, das ab 17. März in über 200 Ländern exklusiv bei Amazon abrufbar ist. Als Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller fungierte Superstar Matthias Schweighöfer, der mit seinem Projekt Fans und Skeptiker gleichermaßen überraschen wird: Der Comedy-Sunnyboy überzeugt als begnadeter Charakterdarsteller - und sein hochspannender Sechsteiler mit fesselnder Dramaturgie, die sich vor internationalen Schwergewichten kaum verstecken muss.

Neben Til Schweiger gilt Schweighöfer als der erfolgreichste deutsche Filmemacher der vergangenen Jahre. Und wenn beim enormen Aufstieg des einstigen jungen Wilden neben der albernen Seichtigkeit seiner Feelgood-Komödien eine Sache nervte, dann war es das überkritische Dauerlamento, mit dem die intellektuelle Kritik sein Schaffen überzog. Jene verbreitete Klage, dass er es doch eigentlich besser und anspruchsvoller könne, darf nun ad acta gelegt werden: Schweighöfer, der ja auch schon in seinen leichten Comedys wie "Vaterfreuden" als Unterhaltungskünstler überzeugte, geht mit "You Are Wanted" gleich in mehrfacher Hinsicht ein Wagnis ein, das am Ende gut ausgeht.

Erstmals seit sieben Jahren, als er im "Tatort: Weil sie böse sind" brillierte, versucht sich das frühere Dramatalent wieder im ernsten (Thriller-)Fach. Erstmals dreht Schweighöfer zudem mit seiner eigenen Produktionsfirma Pantaleon als Hauptdarsteller, Regisseur und Produzent in Personalunion eine (Mini-)Serie. Und erstmals in Deutschland überhaupt erschuf er damit eine international vertriebene Amazon-Eigenproduktion. "Ich bin wahnsinnig stolz", freut sich Schweighöfer im Interview über die fertige Serie.


Völlig zu Recht - denn man darf sagen: Das Experiment ist gelungen. "Immer wenn ich mir den Trailer anschaue, denke ich: Cool, ich hätte auch Bock, das zu sehen", witzelt der Schauspieler. Das ist nicht nur aus Promo-Zwecken so dahin gesagt: "You Are Wanted" will man tatsächlich schon nach wenigen Minuten unbedingt weiterschauen.


Die Grundlage dafür findet sich bereits im populären Hacker-Setting, das spätestens seit "Mr. Robot" als Serienthema und seit dem Überraschungserfolg "Who Am I" auch aus deutscher Hand international anschlussfähig ist. Stand in jenen Produktionen der antikapitalistische Hacker-Ethos samt immanenter Systemkritik im Vordergrund, konzentriert sich "You Are Wanted" auf die Opfer eines vielmehr selbstsüchtigen sadistischen Hackers.


"Wir finden die Idee gut - macht!" - So beschreibt Schweighöfer die Reaktion Amazons auf das ursprünglich von Warner Bros. stammende inhaltliche Konzept. Und das hat es in sich: Hauptleidtragender der Taten des begabten Cyber-Gangsters ist der junge Hotelmanager Lukas Franke, dem Schweighöfer beinahe leichtfüßig und überaus nachvollziehbar einen realistischen Charakter als wohlhabender Familienvater verleiht, dessen Leben plötzlich aus der Bahn gerät. Denn der Hacker, dessen Person der Hauptfigur und dem Zuschauer recht schnell offen gelegt wird, kapert auf erschreckende Weise die Identität Frankes.


Gefälschte Banküberweisungen, manipulierte Videoaufnahmen und gefakte Bombenbaupläne führen schnell dazu, dass der Unschuldige plötzlich ganz oben auf der Fahndungsliste des BKA steht. Die Beweislast ist erdrückend; alle Versuche, die Sache auf vernünftigem Wege mit den Behörden zu klären, scheitern. Franke wird erpresst, seine Familie bedroht, kurz vor dem Ruin steht auch die Beziehung zu seiner Frau Hanna (Alexandra Maria Lara), die ihrem Gatten bald schon ebenfalls misstraut. Ihm bleibt keine Wahl: In klassischer Thriller-Manier - doch fast jederzeit nachvollziehbar geskriptet und überragend gespielt - macht sich Schweighöfers Figur daran, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.


Gemeinsam mit einem weiteren Opfer des Hackers - der taffen kampferfahrenen Heldin Lena, die von Karoline Herfurth in einer ebenfalls seltenen ernsten Rolle gespielt wird - wagt sich Franke in hochspannende Thriller-Tiefen mit Binge-Watching-Potenzial. Auch einem "Homeland" oder "Mr. Robot" gelingt das kaum besser.


"Ich fand es spannend, mal etwas ganz anderes auszuprobieren", sagt Karoline Herfurth, die für ihre stark physische Rolle extra Waffentraining nahm. Sie beschäftigt die Hacker-Thematik auch im Alltag: "Es gibt Sachen aus meinem Privatleben, die müssen privat bleiben. Deshalb muss ich sie auch in der digitalen Welt schützen. Aber ein Hacker, der es drauf anlegt, würde das bestimmt alles schaffen." Jener in "You Are Wanted" schafft es definitiv; als Meister seines Fachs zerlegt er mühsam Aufgebautes wie nebenher.


Wie die Manipulation digitaler Daten durch entsprechendes Know-How ganze reale Leben zerstören kann; wie sehr unsere Identität inzwischen über Internet-Applikationen, Netzwerke und Datenbanken definiert wird; wie wir uns dennoch auf Passwörter, Firewalls und sonstige fragile Sicherheiten verlassen, zeigt "You Are Wanted" eindrücklich.


Dass schon nichts passieren werde: Diese selbstberuhigende Überzeugung scheint passé - im Privaten seit den Prominenten-Bilder-Leaks von Jennifer Lawrence bis Lena Meyer-Landrut; und seit der mutmaßlichen Wahlbeeinflussung durch Hacker und der Online-Fake-News-Regentschaft eines Donald Trump auch auf der politischen Bühne. "Ich dachte früher immer, das Internet führt die Welt zusammen; dachte aufgrund der Stimmung in meinen sozialen Netzwerken, dass die Welt total demokratisch ist", bemerkt Herfurth dazu. "Nun hat sich aufgetan, dass dem nicht so ist."


Man kann "You Are Wanted" als hochaktuellen Kommentar auf jene Entwicklungen lesen, als nötige Kritik einer brisanten Zeiterscheinung. Man kann das Projekt aber auch als die neue, seltene Erscheinung loben, die es ist: Ein weltgewandter mitreißender deutscher Thriller, der sowohl die Skeptiker der Streamingdienst-Originals als auch die Kritiker Schweighöfers erst einmal verstummen lassen dürfte. Letzterem könnten sich mit dem vergleichsweise günstig produzierten "You Are Wanted" auch international neue Türen öffnen - ein Geschenk, das sich der als Sänger kürzlich viel kritisierte Star kurz nach seinem 36. Geburtstag selbst macht.


Zum anderen legt der gebürtige Anklamer die Messlatte für künftige deutsche VoD-Produktionen in Sachen Drehbuch und Umsetzung überaus hoch - und stößt damit zugleich ein weiteres Tor auf: Wenn die vielversprechende kommende Netflix-Produktion "Dark" und Tom Tykwers episch angelegtes Serien-Großprojekt "Babylon Berlin" (Sky/ARD) wahrscheinlich noch in diesem Jahr die hohen Erwartungen erfüllen können, dürfte das den internationalen Durchbruch für die bislang kaum durchstartenden deutschen Serien bedeuten. Denn dass auch diese Formate etwas wagen, auf internationalem Niveau unterhalten und mit den Produktionen aus USA, Großbritannien und Skandinavien mithalten können, beweist "You Are Wanted" als Vorreiter jetzt schon.


Maximilian Haase
Wo das Präzisionsgewehr ratsam gewesen wäre, kommt die MG zum Einsatz: Warum der Netflix-Film "War Machine" mit Brad Pitt in der Hauptrolle den hohen Erwartungen nicht gerecht wird.
ProSieben schickt in "Global Gladiators" acht Promis in die Wüste, genauer gesagt auf eine Abenteuerreise nach Afrika. Das Format erinnert dabei ein bisschen an "Big Brother" trifft das "Dschungelcamp". Wir beantworten vor dem Start die wichtigsten Fragen.
Neugierig warten Serienfans in aller Welt auf die fünfte Staffel von "House of Cards". Dass alle dabei über Parallelen zur Realität sprechen, tut der US-Serie nur auf den ersten Blick gut.
Bis zum Freitag feiert Deutschlands erfolgreichstes Mittagsmagazin eine Jubiläumswoche - und sendet dafür auch aus den Wohnzimmern von treuen Zuschauern.
Am 02. Juni 1967 erschoss der Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg. Die Dokumentation im Ersten erinnert zum 50. Jahrestag daran.
Tragödie, Drama und die Hoffnung: ein herausragender Film von Regisseur Wim Wenders.
Rechtsanwalt Vernau reist nach Kuba, um dort einen Mann aufzuspüren, der seit 30 Jahren verschollen ist. Ein Fall, der zurückführt in die deutsche Vergangenheit.
Fast zwei Jahrzehnte lang begleitete der Dokumentarfilmer Peter Heller die Münchner Modemacherin Ann und ihren afrikanischen Partner in ihrem gemeinsamen Leben.
Ein Schatzsucher findet mit einer Astronauten-Karte den Anker von Christopher Kolumbus: Ein reales Abenteuer das in der neuen Discovery-Channel-Doku "Cooper's Treasure" begleitet wird.
Auch die zweite Ausgabe der Sonntagabendshow floppte: War's das mit "Mensch Gottschalk"?
Das ZDF lässt neue Folgen der Polit-Comedy "Eichwald, Mdb" drehen. Inhaltlich gibt sich die zweite Staffel brandaktuell.
Keine Bewegtbildrechte mehr: Sport1 muss die "Telekom Spieltaganalyse" aus dem Programm nehmen.
"Um Himmels Willen" feiert Jubiläum. Und in der 200. Folge geht es um nichts weniger als die Zukunft von Kloster Kaltenthal.