Umstrittene Jury-Entscheidung

Die Grimme-Preisträger stehen fest: Böhmermann ist erneut dabei

Erst am Freitag, 31. März, werden im Theater der Stadt Marl die besten Produktionen und Leistungen des zurückliegenden Fernsehjahres mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Die Gewinner wurden allerdings schon jetzt bekannt gegeben. In einem kontroversen Grimme-Jahrgang, wie die Jury ihre Entscheidungen bei mehr als 1.000 Einreichungen und 81 Nominierungen (Rekord!) selbst zusammenfasst, spielte einmal mehr eine gesellschaftliche Relevanz der Stoffe eine besondere Rolle. So erhielt der NSU-Dreiteiler der ARD "Mitten in Deutschland: NSU" gleich zwei Auszeichnungen. Neben dem einmal mehr bedachten Jan Böhmermann ("#verafake") sorgt eine Auszeichnung für ProSieben im Wettbewerb Unterhaltung für Gesprächsstoff: An "Applaus und raus" mit Moderator Oliver Polak schieden sich die Jury-Geister.

"Der Grimme-Preis ist seit mehr als 50 Jahren nicht nur ein verlässlicher Gradmesser für Qualität und Innovation im deutschen Fernsehen, sondern unverzichtbarer Maßstab für das, was im Programmschaffen wirklich wichtig ist: Relevanz, gesellschaftspolitischer Anspruch und Wirkung in die Gesellschaft hinein", sagte die ARD-Vorsitzende Karola Wille unmittelbar nach der Bekanntgabe der diesjährigen Grimme-Preisträger am Mittwoch am Sitz des Grimme-Instituts in Marl.

Tatsächlich war das Fernsehjahr geprägt durch weitreichende gesellschaftspolitische Themenkomplexe wie Flucht, Terror und Krieg. Nur zwei Auszeichnungen wurden im Unterhaltungsbereich vergeben. Dokumentationen und der fiktionale Film über den Terror-Komplex des NSU standen im Vordergrund. Die Auseinandersetzung der ARD mit dem sogenannten NSU erhielt zwei Preise - eine Auszeichnung gibt es für den Abschluss-Film "Mitten in Deutschland: NSU - Die Täter - Heute ist nicht alle Tage", einen weiteren erhält die Produzentin Gabriela Sperl für den gesamten Dreiteiler. Die Jury lobte vor allem den Aufbau. "Dass die Filme erst im Zusammenspiel einen Einblick in den Komplex NSU geben, ist eine große Stärke des Konzepts. Alle drei Perspektiven sind zwingend. Keinen Film würde es ohne den anderen geben", hieß es in der Begründung.


Terror und Flucht blieben bestimmend im Wettbewerb "Information und Kultur". Allen voran überzeugte der engagierte Filmemacher Ashwin Raman. Für seine Produktionen "Im Nebel des Krieges - An den Frontlinien zum 'Islamischen Staat'" (SWR) und "An vorderster Front" (ZDF) wurde der Reporter für besondere journalistische Leistung ausgezeichnet. Wie die Folgen von Terror und Flucht sich auswirken, zeigte die Reportage "45 Min: Protokoll einer Abschiebung". Hauke Wendler (Buch/Regie) zeigte sehr eindeutig und in mitunter drastischen Bildern, wie Polizeibeamte die Rückführungen von Flüchtlingen vornehmen.


Im Wettbewerb "Fiktion" waren es in diesem Jahr nicht Serienstoffe wie zuvor "Weissensee" , die beeindruckten. Die Jury konzentrierte sich mehr auf Spielfilme. Abgeräumt haben einmal mehr die öffentlich-rechtlichen Programme, darunter der Thriller "Das weiße Kaninchen" (SWR), das Obdachlosen-Drama "Ein Teil von uns" (BR) und der Finanzkrimi "Dead Man Working" (HR/ARD Degeto).


Nur eine Auszeichnung ging an einen privaten Sender. Die ProSieben-Sendung "Applaus und raus" blieb bei der Ausstrahlung zwar eher unbeachtet, sorgte dafür innerhalb der Jury jedoch umso mehr für Zunder. Das Format war eine Art Talk-Blinddate. Moderator Oliver Polak wusste vor Beginn nicht, mit wem er denn sprechen werde. Er konnte seinen Gast auch hinauswerfen, wenn dieser nichts Spannendes zu erzählen hatte.


Für Aufruhr sorgte, dass der Hashtag zur Sendung "#gastoderspast" lautete. Einzelne Juroren wie Jürn Kruse distanzierten sich von einem Preis für Polak. So schrieb der Ressortleiter taz2/Medien unter anderem in der "taz": "Herr Polak, ich gratuliere Ihnen wirklich aufrichtig zu Ihrem ersten Grimme-Preis. Aber ich hätte Sie nicht ausgezeichnet." Er warf dem Comedian vor: "Das einzige, woran Sie mit diesem Reim mitgewirkt haben, ist die Etablierung eines Jahrzehnte alten Schimpfworts gegen Menschen mit Behinderungen."


Wie kaum ein anderer zuletzt im deutschen Fernsehen ist Jan Böhmermann Ärger gewohnt. Seine Türkei-Eskapade mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan blieb im Grimme-Institut jedoch außen vor. Den Preis im Wettbewerb "Unterhaltung" bekam Böhmermann für #verafake und die "Einspielschleife" innerhalb des "Neo Magazin Royale". Es handele sich hierbei um "eine geniale Entzauberung der Fernsehroutinen", urteilte die Grimme-Jury.


Die 53. Verleihung des Grimme-Preises ist zu sehen am Freitag, 31. März, 19 Uhr im Livestream von 3sat. Die Zusammenfassung sendet der Kulturkanal ebenfalls am Freitag, 22.35 Uhr.


Andreas Schöttl
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