Kunta Kinte träumt von einer besseren Welt

40 Jahre nachdem das Original die Welt erschütterte, bringt History die Neuauflage der Serie "Roots" nach Deutschland (ab Karfreitag, 14. April, 22.10 Uhr)

Kunta Kinte! - Den Namen des jungen Afrikaners wird keiner, der heute jenseits der 40 Jahre ist, je vergessen. Der Autor Alex Haley hat den aus der Heimat verschleppten Krieger, der zum Sklaven wurde, einst zum traurigen Helden seines Romans "Roots: The Saga of an American Family" gemacht. Die Verfilmung des Werkes rührte in den 70er-Jahren die Herzen vieler Millionen Menschen, nie zuvor war jenes finstere Kapitel der Geschichte so drastisch und vor allem authentisch erzählt worden. An Ostern, vier Jahrzehnte, nachdem die amerikanische Serie "Roots" erst die USA und dann die ganze Welt erschütterte, bringt der Pay-TV-Sender History die nicht minder sehenswerte Neuauflage nach Deutschland. Bevor "Roots" ab Karfreitag, 14. April, 22.10 Uhr, auf Sendung geht, luden die Münchner jetzt zur Preview der Pilotfolge ins Kino ein - es kamen nicht nur zahlreiche Prominente und Medienvertreter, sondern auch der Hauptdarsteller höchstpersönlich. Der Londoner Schauspieler Malachi Kirby ließ dabei durchblicken, wie sehr ihm diese Rolle seines noch jungen Lebens am Herzen liegt und machte sein Anliegen deutlich: "Ignoranz ist vielleicht nicht dasselbe wie Rassismus, aber sie kann für eine Gesellschaft genauso bedrohlich werden", erklärte der 27-Jährige.

Im smarten Anzug wirkt der junge Schauspieler um einiges zarter und schüchterner als in der extrem körperlichen Rolle des stolzen Mandinka-Kriegers und wütenden Sklaven. Aber man merkt Kirby jederzeit an, wie sehr ihn die intensive Auseinandersetzung mit dem Stoff noch immer umtreibt. Von "Roots" habe er lange nichts gewusst, das Thema der Sklaverei sei ihm in dieser Dimension überhaupt nicht bewusst gewesen - bis ihn seine Mutter vor einigen Jahren erstmals damit konfrontiert habe. "Sie hat mir das Boxset der Originalserie gegeben, das war zwei Jahre vor der Neuverfilmung, und ich war gefesselt." Kirby erklärte in München, wie viel Ehrfurcht er vor dem Projekt hatte. Lange sei er unsicher gewesen, habe nicht gewusst, wie er den Part des Sklaven glaubhaft mit Leben erfüllen soll: "Roots' war wie eine Reise für mich. Ich wollte nichts kopieren, sondern die Geschichte um Kunta Kinte aus meinem Blickwinkel darstellen."

Er wünsche sich, dass die Zuschauer das ganze Gewicht der mit Hollywoodstars wie Forest Whitaker, Anna Paquin, Jonathan Rhys Meyers, Laurence Fishburne oder James Purefoy gespickten Produktion erfassen, sagt Malachi Kirby. Denn in "Roots" stecke so viel mehr als das Leid von "Menschen, die in Ketten liegen". Es geht um Moral und Werte, um die Familie, um Liebe und Zusammenhalt. Nur mit dieser epischen Wucht vermochte das Original, Amerika damals wachzurütteln.


Wer würde bestreiten, dass heute nicht ein ähnlicher Effekt vonnöten wäre. "Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft", lautet ein berühmtes Zitat des preußischen Gelehrten Wilhelm von Humboldt. Worte, die perfekt in die aktuelle Zeit passen und genau dasselbe meinen wie Malachi Kirbys Weisheiten, der sicherlich nicht falsch liegt, wenn er behauptet: "Wir leben immer noch mit den Folgen der Sklaverei." Eine Serie wider die sich beängstigend verbreitende Geschichtsvergessenheit, genau das ist "Roots".


Gewiss, das Bildungsdeutschland der 70er-Jahre kannte bereits Malcolm X und Martin Luther King, man wusste wenigstens in groben Zügen über die Hintergründe des amerikanischen Bürgerkriegs Bescheid. Doch wenn hierzulande überhaupt eine Debatte über Rassismus und Diskriminierung in Übersee geführt wurde, blieb diese zwangsläufig abstrakt. Ein Gesicht hatten Menschenhandel, Sklaverei und die Wurzeln US-amerikanischer Rassenpolitik damals nicht - abgesehen von den raren und eher eindimensionalen Darstellungen, die Film und Fernsehen in Form von "Onkel Toms Hütte" oder Tom Sawyer und Huckleberry Finn zur Historie der Afroamerikaner beitrugen. Ein bisschen Abenteuer mit Tränendrüsenpathos, das war's. Bis vor 40 Jahren diese Fernsehserie alles änderte. Die Familiensaga "Roots" zeigte schonungslos schwarzes Leid und schwarze Geschichte und, das war neu, auch schwarze Helden. Sie rührte die Herzen und rückte die hässlichen Worte "Nigger" und "Massa" erstmals in unser Wohlstands-Bewusstsein.


Hatte die Nachkriegs- und Wirtschaftswunder-BRD nicht auch ganz andere Dinge auf der Agenda? Da waren Kalter Krieg, die 68er-Nachwehen, Drogen, Rock'n'Roll und auch die Gastarbeiterproblematik ... - Und natürlich galt es, '78 in Argentinien den WM-Titel zu verteidigen. Dunkelhäutige Musiker hielten in der Popszene Einzug, aber im US-Fernsehen? Da war "Bonanza" weit vorne, und, so politisch-korrekt die Cartwrights (Ponderosa-Boss Ben alias Lorne Greene hatte in "Roots" eine Nebenrolle) auch waren, da gab's nur zweierlei: schwarze Verbrecher oder schwarze Opfer. Randfiguren allemal. Man wollte nur ein bisschen unterhalten werden - gerne auch von Hollywood-Crime und weißen Siegertypen wie dem New-York-Cop Kojak, Detective Jim Rockford oder Lt. Mike Stone und Inspektor Keller, die auf den Straßen von San Francisco aufräumten - vornehmlich unter afroamerikanischen Dealern. Sicher wartete damals kein Mensch auf eine US-amerikanische Historienserie über die Sklaverei im 18. und 19. Jahrhundert.


Doch schon die Schlagzeilen, die im Zuge der amerikanischen TV-Premiere 1977 von "Roots" kündeten, ließen ein Fernsehereignis erahnen, das in den USA fast epochale Züge annahm - so heftig waren in den Staaten sowohl die Resonanz als auch die ausgelöste Debatte. Der amerikanische Durchschnittspatriot dürfte sich mit der Serie ebenso wenig wohlgefühlt haben wie mit den ebenfalls in den 70er-Jahren aufkommenden realitätsnahen Abhandlungen zur Geschichte der indigenen Völker Amerikas. Die Wildwest-Romantik hatte fertig, nun durfte es auch gegen die Verklärung des good old Southern Style in Dixieland gehen.


Haleys Roman war erst ein Jahr zuvor erschienen. Das Unerhörte an dem Bestseller, der dem Schriftsteller den Pulitzer-Preis bescherte: Indem er als erster schwarzer amerikanischer Autor anhand der wahren Figur Kunta Kinte seine Abstammung bis zu den Wurzeln zurückverfolgte, erzählte er zugleich den 25 Millionen schwarzen Amerikanern die Geschichte ihrer Herkunft. Den Afroamerikanern gab er ein Stück ihrer Identität wieder, dem Rest öffnete er die Augen für eines der düstersten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Aber erst durch die Bildgewalt des Fernsehens, durch die Wucht der internationalen Ausstrahlung, erhielt "Roots" die Relevanz und Emphase eines bis heute nachhallenden Exempels fiktionaler Geschichtsaufarbeitung. Wer heute über 40 Jahre alt ist, wird sich mit Sicherheit an so manchen dieser Serie geschuldeten Albtraum erinnern. Viele Kinder durften länger aufbleiben, um "Roots" (Schluss war um 21 Uhr) gemeinsam mit den Eltern zu sehen und vom Fernsehsessel aus schreckliche Szenen von Sklavenauktionen, Vergewaltigungen und schlimmsten Misshandlungen mitzuerleben.


Die Neuauflage ist, ganz im Zeitgeist des aufwendigen neuen seriellen Fernsehens, noch um einiges drastischer geraten. Sie war bei ihrer Erstausstrahlung auf den US-amerikanischen Sendern History, Lifetime und A&E ein Quotenhit. Die erste Folge sahen 5,3 Millionen Zuschauer - laut History die höchste Einschaltquote der Startfolge einer Miniserie im US-amerikanischen Kabelfernsehen der vorangegangenen drei Jahre. Die Serie erhielt zudem sechs Emmy-Nominierungen und erntete hervorragende Kritiken. LeVar Burton ("Star Trek - The Next Generation"), der im Original, damals 19-jährig, Kunta Kinte verkörperte, fungierte bei der "Roots"-Neuauflage neben Korin D. Huggins als Co-Executive Producer.


History- und A&E-Chef Andreas Weinek zeigte sich beim Vorab-Screening stolz, dass das Portfolio seiner Sendergruppe von einem derart hochwertigen Programm aufgewertet werde. "Wir packen gerne brisante Themen an", so Weinek, der sich noch gut an das Original erinnert: "den ersten richtigen Gassenfeger" und eine Serie, die ihn seinerzeit im Teenageralter durchaus nachhaltig geprägt habe.


Für alle, die trotz allem an der Aktualität einer solchen Produktion zweifeln: Mit seiner Einschätzung, Sklaven seien Einwanderer, hat der afroamerikanische Bauminister Ben Carson aus Trumps Kabinett erst kürzlich für mächtig Aufregung gesorgt. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Schauspieler Samuel L. Jackson schrieb auf Twitter: "Ben Carson ... Ich ertrag's nicht! Einwanderer? Am Boden von SKLAVENSCHIFFEN??!!" Und Whoopi Goldberg empfahl dem Minister schlicht, sich die Fernsehserie "Roots" anzusehen ...


(History sendet die Erfolgsserie zu Ostern exklusiv im deutschsprachigen Raum und zeigt die acht 45-minütigen Episoden von Karfreitag, 14. April, bis Ostermontag, 17. April, täglich ab 22.10 Uhr, in Doppelfolgen, ergänzt jeweils durch die einstündigen Dokumentationen "Roots: Die Geschichte der Sklaverei", 16. April, 0.00 Uhr, und "Roots: Die Doku zur Serie",17. April, 0.00 Uhr).


Frank Rauscher

Trailer

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