Singen, kiffen, spionieren

Bei Amazon Prime startet am 24. März die bissige Spionage-Comedy "Patriot"

Das Publikum entscheiden lassen, was produziert und gesendet wird? Für die meisten Programmchefs im klassischen TV wäre das, abgesehen von nischigen Experimenten wie etwa dem TV Lab des ZDF, unvorstellbar. Beim Streaminganbieter Amazon hingegen denkt man sich schon seit Jahren: Wer sollte besser wissen, was der Zuschauer sehen will, als der Zuschauer selbst? Deshalb dürfen die Kunden mitbestimmen, ein bisschen zumindest: Regelmäßig stellt Amazon neue Pilotfilme online, die bewertet werden können und bei entsprechender Resonanz in Serie gehen. Auch "Patriot" wurde per Votum auf den Weg gebracht, die erste Staffel steht ab 24. März exklusiv bei Amazon Prime zum Abruf bereit.

Dass sie Geschmack haben (oder zumindest einen Riecher für Stoffe mit Potenzial), haben die Amazon-User schon des Öfteren bewiesen. In der Vergangenheit gaben sie unter anderem den Pilotfilmen zu "Transparent", "Mozart in the Jungle" und "The Man in the High Castle" ihr "Ja" und beförderten so die Produktion ganzer Staffeln. Alle drei genannten Formate wurden danach über die Auftaktseason hinaus fortgesetzt, alle drei wurden mit Emmys und teilweise auch Golden Globes ausgezeichnet.

Im Fall von "Patriot" (stand im Herbst 2015 zur Wahl) entschieden sich die Zuschauer für eine bissige Spionage-Comedy aus der Feder von Steve Conrad, der zuletzt vor allem als Autor von Ben Stillers "Das erstaunliche Leben des Walter Mitty" sein außergewöhnliches Gespür für tragikomische Figuren bewies. Auch bei John Tavern (Michael Dorman) schöpft er diese Ressource gekonnt aus, und er kreiert einen Helden, der so ungefähr alles ist außer stereotyp.


Der Held aus "Patriot" ist ein dauerkiffender, traumatisierter US-Geheimdienstler, der seine Frau vermisst, das Agentenleben ganz schön anstrengend findet und davon als Hobby-Straßenmusiker gerne mal ein Liedchen singt. So einen Typen muss man als Zuschauer erst einmal adäquat einordnen. Wenn er in seinen Songs mit pathologischer Präzision schildert, wie die letzte, eigentlich ja streng geheime Mission scheiterte, wenn man gleichzeitig die tiefe Zerrissenheit dieser Figur erkennt, die da tatsächlich sehr bewegend ihre Probleme besingt - soll man dann lachen oder weinen?


Man bekommt diesen John Tavern, wie auch viele weitere Figuren der Serie, nicht recht zu fassen und gewinnt den Eindruck, dass Steven Conrad das genau so beabsichtigt. Zumal er diesen kleinen, knirschenden Raum zwischen Tragödie und Klamauk auch in den neun neuen Folgen bespielt, in denen John sich dann auch endlich an die Ausführung seiner neuesten Mission macht. Sein Vater, auch ein Geheimdienstler, hatte ihm den Auftrag aufgenötigt: John soll sich als nicht-offizieller Coveragent, also ohne Schutz der Regierung, in eine Ölfirma einschleusen, um auf dem Weg das iranische Atomwaffenprogramm zu sabotieren.


Gespannt verfolgt man, ob John diesem heiklen Job gewachsen ist, der in der Ausführung bisweilen groteske Züge annimmt, und ob er ganz persönlich wieder in die Spur kommt. Das Versprechen des Pilotfilms hält die erste "Patriot"-Staffel jedenfalls: Steven Conrad kreiert über insamt zehn Folgen eine fein geschliffene, empathievolle, bisweilen aber auch erschreckend düstere Tragikomödie mit faszinierenden Figuren, pointierter Geheimdienst-Kritik und manch brachialem Ausschlag. Hin und wieder auf das Urteil der Zuschauer zu vertrauen, war also auch hier eine gute Entscheidung von Amazon.


Gerade erst startete der Streaming-Gigant im Übrigen schon wieder eine neue Pilot Season, es ist die inzwischen achte. Ab sofort stehen "The Marvelous Mrs. Maisel" (New-York-Dramedy), "The Legend of Master Legend" (Superhelden-Satire), "The New V.I.P.s" (Trickserie für Erwachsene), "Budding Prospects" (80er-Jahre-Kifferserie) und "Oasis" (Sci-Fi-Abenteuer) zum Abruf und zur anschließenden Bewertung bereit.


John Fasnaugh
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