Auf ein Bier mit den Jungs vom Flüchtlingsheim

Lehrreich, brisant und ein bisschen langweilig: So war der Franken-"Tatort: Am Ende geht man nackt"

Der Volksmund ist manchmal ein Depp: "Man muss Gott für alles danken, auch für seine Oberfranken", heißt es lästerlich. Dabei sind die "Leud" dort nicht nur "in Bayern ganz oben", wie auf Autoaufklebern hin und wieder nachzulesen ist, sondern auch sehr nett - eben nicht wesentlich anders als sonstwo: Es gibt Gute und Böse, und vor allem gibt es allerhand dazwischen, wie es uns am Sonntag auch der erste oberfränkische "Dadord" vor Augen geführt hat. Es menschelte gewaltig im Flüchtlingsheim, und natürlich wurde draußen in der Stadt an der Regnitz auch trefflich "gefränkelt", doch die meisten Zuschauer werden sich mehr versprochen haben vom Debüt aus Bamberg. "Am Ende geht man nackt" war jedenfalls alles, nur keiner dieser Provinzkrimis, die mit Postkartenmotiven und Wohlfühlfaktor aufwarten. Doch war das überhaupt ein richtiger Krimi? Der dritte Fall aus Franken erzählte viel über das beschwerliche Leben von Asylsuchenden in Deutschland und setzte sich umfassend mit dem Alltag in einer Übergangseinrichtung auseinander. Sehr lehrreich und relevant das alles, nur nicht sonderlich spannend.

Was war denn hier los?

Es begann mit einem Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim. "Hamm Sie was g'säng?", lautete die Frage dieser Nacht. Doch keiner wollte etwas gesehen haben. Niemand der aus aller Herren Länder stammenden Asylsuchenden machte Angaben darüber, warum nun einer der ihren schwerverletzt im Krankenhaus lag und eine junge Afrikanerin ihr Leben ließ. Schnell stellte sich allerdings heraus, dass jene Neyla durch eine augenscheinlich von außen verschlossene Tür an der Flucht aus einer Vorratskammer gehindert worden war. Mord! - Das stand für die Kommissare fest. Ein gewagter Undercover-Einsatz sollte Licht ins Dunkel bringen ...


Ergab die Story Sinn?


Das schon, denn die Idee hatte was: Hauptkommissar Voss (Fabian Hinrichs) ließ sich mit einer Legende als Tschetschenien-Flüchtling ausgestattet in die Einrichtung einschleusen. So abstrus der Gedanke schien, es funktionierte anfangs: Voss tauchte ein in den bedrückenden Mikrokosmos einer umfunktionierten alten Produktionshalle. Dort stieß er auf Menschen im Wartestand, auf ein Klima von Frust, Ablehnung und Misstrauen. "Wir wollen keine Juden oder Christen hier", schlug es ihm entgegen - auch in einer solchen Unterkunft prallen die Ethnien und Religionen hart aufeinander, auch im Heim gibt es, Überraschung, ätzende Charakterauffälligkeiten. Voss freundete sich mit dem jungen Syrer Basem (Mohamed Issa) an und gewann das Vertrauen von Said Gashi (Yasin El Harrouk, bekannt aus der Titelrolle des Münchner "Tatort"-Krimis: "Der Wüstensohn"), einem Grobling, der unter den Flüchtlingen das Sagen hatte und offenbar als Einziger mehr über das tote Mädchen wusste. Parallel ermittelten Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel), Wanda Goldwasser (ein Heimspiel für die aus Bamberg stammende Eli Wasserscheid) und Fleischer (Andreas Lepold Schadt) "draußen" insbesondere im Umfeld des reichen Unternehmers Benedikt (Hans Brückner), bei dem die Fäden in diesem Fall zusammenliefen.


Wie spannend war das Ganze?


Auf einer Skala bis Zehn: eine glatte Drei, allenfalls. Denn was in jener heißen Bamberger Nacht atemlos und mitreißend begann, verlor alsbald fast alles von dem, was einen guten Krimi ausmacht. Wer war's? Und warum? - Es war einem fast egal. Immerhin fieberte man mit Voss mit, der sich allein unter Flüchtlingen gut schlug. Erst am Schluss, als der Fall im Grunde längst erledigt war, nahm das Geschehen noch mal Fahrt auf - jedoch mit einem ziemlich aufgesetzt wirkenden Showdown. Warum der junge Basem mit dem Brutalo Said das Wohnhaus eines aufrechten deutschen Rentners überfallen musste, und warum dieser dann sogleich mit der Flinte auf die Jungs losballerte? - Wohl nur, um am Ende noch ein bisschen Spannung zu erzeugen. Das Schicksal der toten Afrikanerin hatte man da schon längst aus den Augen verloren ...


Was haben wir gelernt?


Sehr viel. Der Film des Schweizer Regisseurs Markus Imboden erzählte um Authentizität bemüht und mit bemerkenswerter Gründlichkeit vom Ankommen der Asylsuchenden in Deutschland. Von Flüchtlingen und ihrem permanenten Daseinskampf - gegen Vorurteile, gegen die Windmühlen der Bürokratie und die Tücken der deutschen Sprache, gegen Ablehnung und Intrigen seitens anderer Heimbewohner, gegen großkotzige, fränkische Geschäftemacher und last but not least gegen tumbe Neonazis, die "Mollis" durch Heimfenster werfen, weil sie Bock drauf haben, es denen heimzuzahlen, die ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen ... Eine verrückte Welt, in der wir leben. Dazu passt auch, dass der Zuschauer Menschen kennenlernte, die der Bombenkrieg in ihren Albträumen heimsucht, oder Männer, die in ihrer Heimat Arzt waren und sich nun für 6,50 Euro die Stunde auf dem schwarzen Arbeitsmarkt als Putzkraft verdingen.


Wie gut war der "Tatort"?


Vielleicht war es kein herausragender, aber definitiv ein wichtiger Film. "Am Ende geht man nackt" war einer dieser überaus didaktischen Krimis, die zwar kaum Spannung, aber jede Menge Information bieten. Der Stoff war hart, emotional, brisant, und wer sich darauf einließ, war schlauer als vorher. Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt erklärt: "Sowohl in meinem Bekanntenkreis als auch in den sozialen Netzwerken sprang mir ins Auge, dass diejenigen, die Flüchtlingen skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen, stets dieselben sind, die nie den persönlichen Kontakt, das persönliche Gespräch mit einem Betroffenen gesucht haben." Ja, man fühlte mit - und das kann gewiss nicht schaden. Andererseits werden manche mit diesem Film womöglich auch eine gewisse Empathie für all jene entwickelt haben, die eine Obergrenze fordern: nämlich eine für "Flüchtlings-Tatorte".


Alexander Franck
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