Sogar die Cowboys haben geheult

So emotional wird die neue Staffel der VOX-Musikshow "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert"

Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß, die schon als "Voice of Germany"-Coach durch sympathische Unverstelltheit aufgefallen war, sagte am Dienstagabend im "Festsaal Kreuzberg" den vielleicht entscheidenden Satz zur Analyse des Formats "Sing meinen Song". "Letztes Jahr vor dem Fernseher dachten wir alle noch, warum kuscheln sie die ganze Zeit. Und dieses Jahr in Südafrika? Da haben wir es selbst die ganze Zeit gemacht." Was die mit Lena Meyer-Landrut, Mark Forster, Michael Patrick Kelly, Gentleman, Moses Pelham und eben Stefanie Kloß stargespickte Berliner Pressekonferenz in diesem Jahr ausmachte: Erstmals hatte das Popstar-Ensemble die Erfahrung des südafrikanischen Tauschkonzertes bereits hinter sich, als es davon erzählte. Dies merkte man den Künstlern und einem neunminütigen Trailer von jener Woche auf der südafrikanischen Lodge an. Die Atmosphäre des Wiedersehens glich einem launigen Klassentreffen von erfolgreichen Ex-Schülern, inklusive Pennäler-Humor.

Es mögen wundersame Showbiz-Superhirne oder Quoten-Algorithmen sein, welche die personelle Konstellation einer "Sing meiner Song"-Staffel zusammenstellen. Das verriet Patrick Michael Kelly, der schon ein paarmal zuvor dabei gewesen wäre, wenn man ihn gelassen hätte. Wer mit wem und wann in Südafrika seine Songs teilt, darüber entscheiden Faktoren wie das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, musikalische Stile, das Alter der Künstler und das Erreichen unterschiedlicher Fangruppen. Es mag Kalkül hinter dem Bilden jener Gruppe stecken, die sich jedoch vor Ort mit scheinbar traumwandlerischer Sicherheit zu einer Gruppe Freunde zusammenschweißt. Mittlerweile zum vierten Mal.

Man trifft sich als Musiker-Kollege und Konkurrent um Hitparaden-Plätze - und geht als selbst gebildete Whats-App-Gruppe, wie Mark Forster verriet. "Sogar Moses ist am Ende noch beigetreten", scherzt der Brillenträger mit Base Cap. Neben ihm auf der Bühne des "Festsaal Kreuzberg" sitzt Reggae-Star Gentleman und erzählt im gewohnten deutsch-englischen Rastafari-Idiom von "unglaublichen Vibes", die in der Show abgestrahlt hätten. Dann kramt er neben Mark Forster sitzend eine Brille hervor, was Base Cap-Träger zwei zu einer Art Doppelgänger Forsters werden lässt. Es darf gelacht werden.


The Boss Hoss, seit Xavier Naidoos Ausstieg erstmals Gastgeber der quotenstarken VOX-Show, hätten sich im Vorfeld akribisch mit den Biografien der Gäste beschäftigt, wie Sascha Vollmer verriet. Ihm und seinem Cowboy-Kollegen Alec Völkel waren vor dieser Staffel von Kritikern die vielleicht größten Fragezeichen auferlegt worden. Würde es das machistisch angehauchte Spaß-Duo schaffen, den integrativen Seelenmann Naidoo als Gastgeber zu ersetzen? Vollmer und Völkel erhielten diesbezüglich überschwängliches Lob von allen Teilnehmern. Zu viel, als dass es als Höflichkeitsfloskel durchgeht. Sogar die Cowboys, so Gentleman, hätten öfter geheult. Erst am 23. Mai beginnt in diesem Jahr Staffel Nummer vier mit einer Sendung voller Mark Forster-Songs. Stefanie Kloß singt dann Forsters "Au revoir", Gentleman "Ich trink auf dich", Michael Patrick Kelly - erstmals intoniert er auf deutsch - "Flüsterton" und Moses Pelham trägt mit Cassandra Steen "Oh Love" vor.


Auch in den weiteren sieben Sendungen (dienstags, 20.15 Uhr) tauchen überraschende Song-Künstler-Paarungen auf. Lena singt Moses Pelhams Sabrina Setlur-Hit "Du liebst mich nicht". Die größten Hits des früheren ESC-Wunders Lena werden hingegen von Mark Forster ("Satellite") und The Bosshoss ("Taken By A Stranger") bearbeitet. Stefanie Kloß singt den Kelly-Hit "An Angel" und Gentleman ringt dessen Autoren Michael Patrick Kelly mit seiner Version von "Shake Away" eine wahre Flut an Tränen ab. "Das, was wir vor der Kamera gemacht haben, war genau das Gleiche wie danach", fasst Gentleman das von den Teilnehmern erlebte Gruppengefühl zusammen. Dass Musik an sich im VOX-Format ernst genommen wird, dass man ihr die Kraft zugesteht, die Show ohne künstlichen Wettbewerb, Ausscheidungsspiele, Preise oder inszenierte Sozialdramen zu tragen, dürfte auch im Frühsommer 2017 zum Erfolgsgaranten für "Sing meinen Song" werden.


"Man muss nicht in den Dschungel oder Container gehen, um in die Extreme zu kommen", sagt Patrick Michael Kelly auf der Kreuzberger Bühne. "Die Musik macht das von ganz alleine." Deshalb haben die VOX-Verantwortlichen gemeinsam mit der Produktionsfirma Talpa wohl auch alles so gelassen, wie es die bisherigen drei Male war. Ach ja, mit einer Ausnahme. Die berühmte Protea als Xavier Naidoos Auszeichnung für den "Song des Abends" war den Cowboys von The Bosshoss dann doch etwas zu soft. Anstelle der Blume gibt es nun eine Ukulele für den Sieger. Dass jeder aus der Runde eine mit nach Hause nehmen durfte, hätte man - wäre es auf der Bühne nicht verraten worden - sich dennoch fast denken können.


Eric Leimann
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