Woher kommt die Wut, Bürger?

Der Filmemacher Stephan Lamby über seinen Dokumentarfilm "Die nervöse Republik" (Mittwoch, 19. April, 22.45 Uhr, ARD)

Der renommierte Politjournalist und Dokumentarfilmer Stephan Lamby ("Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort - Lüge und Wahrheit in der Politik") begleitete vom Frühjahr 2016 an ein Jahr lang Spitzenpolitiker wie Innenminister Thomas de Maizière oder AfD-Chefin Frauke Petry bei der Arbeit. Auch Top-Journalisten, die den Berliner Politbetrieb aus nächster Nähe verfolgen, schaute er auf die Finger. Sein Fazit: Die gesellschaftliche Auseinandersetzung wird immer schneller und rauer. Meinungen driften rasant auseinander. Stephan Lambys faszinierender Dokumentarfilm "Die nervöse Republik" ist am Mittwoch, 19. April, um 22.45 Uhr, im Ersten zu sehen.

teleschau: Sie haben politische Entscheidungsträger und Journalisten ein Jahr lang bei der Arbeit beobachtet und immer wieder interviewt. Mit welchem Ziel?

Stephan Lamby: Es gab vor einem Jahr die Beobachtung, dass Politiker und auch Journalisten immer mehr Hass-Mails bekommen. Das politische Klima veränderte sich. Ich wusste natürlich nicht, dass es ein so bewegtes Jahr werden würde.


teleschau: Was hat Sie in diesen zwölf Monaten am meisten überrascht?"


Lamby: Der Einsatz von Social Bots, die Meinungsbewegungen im Internet vorgaukeln, ist mir erst im Laufe dieses Jahres klar geworden. Auch die Art und Weise, wie Hackerangriffe auf die öffentliche Meinung Einfluss nehmen, wurde erst im Laufe dieses Jahres klar. Dass Donald Trump seinen Wahlsieg auch sozialen Medien zu verdanken haben wird, war Anfang 2016 nicht abzusehen. Da war Donald Trump noch eine Witzfigur. Jetzt ist er amerikanischer Präsident.


teleschau: Das Internet, das früher als grunddemokratisches Medium galt, scheint mittlerweile die Demokratie zu gefährden. Kann man das so sagen?


Lamby: Das Internet ist sowohl Gefahr wie Chance für die Demokratie. Die Gefahr haben wir durch den Wahlkampf von Donald Trump erfahren müssen. Es gibt aber auch positive Beispiele, etwa aus der Türkei, wo Erdogan vor ein paar Jahren in einer Krise Youtube und Twitter abstellen ließ. Soziale Medien können ja auch gegen ein autoritäres System eingesetzt werden. Wir müssen auf jeden Fall besser lernen, mit dem Internet umzugehen. Auch Journalisten dürfen sich nicht mehr nur auf jenen Nachrichten-Marktplätzen bewegen, die sie gewohnt sind. Meinungsbildung findet zunehmend in sozialen Medien statt.


teleschau: Was müssten politische Journalisten konkret tun?


Lamby: Wir müssen selbst die sozialen Medien nutzen - und zwar kompetent - mit Recherche, Analyse und Kommentar.


teleschau: Früher, so scheint es, waren die Medien eine Art Filter zwischen Politikern und Volk. Jetzt passiert die Kommunikation direkt, und alle sind überrascht, wie viel Druck da im Kessel ist. Woher kommt die Wut?


Lamby: Zum einen gibt es die anhaltende Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich. Das Auseinanderdriften wirkt zementiert und lässt sich klar an Zahlen ablesen. Hinzukommen Flüchtlingskrise und Terror - und eine Partei, die AfD, die sich diese Unruhe zu Nutzen macht, indem sie gegen "Altparteien" und Journalisten pauschal Stimmung macht. Natürlich hat es Unruhe und Hass gegen die Politik in Berlin schon vorher gegeben. Der Hass artikuliert sich jetzt aber drastischer und direkter.


teleschau: Woran machen Sie das fest?


Lamby: Vor ein paar Jahren wurden Hass-Mails noch anonym geschrieben. Heute schreiben Menschen oft unter ihrem Klarnamen. Sie fühlen sich als Teil einer Bewegung, weil sie - das vermute ich - im Internet ihre eigene Meinung permanent zugespielt bekommen. Diese Menschen müssen davon ausgehen, dass sie mit ihrer extremen Meinung nicht alleine dastehen. Das ist die große Veränderung! Früher waren es Stammtischgespräche, jetzt finden diese Diskussionen multipliziert in den so genannten Echokammern des Internets statt.


teleschau: Gewalt und Hass gibt es nicht nur im Internet. Ihr Film zeigt häufig einen wütenden Mob, der vor politischen Versammlungsorten oder Feierstunden den Mächtigen auflauert. Ein neues Phänomen?


Lamby: Ich bin ja in Bonn aufgewachsen und da gab es in den 70-ern die Diskussion, ob man die Bannmeile um den Bundestag wirklich braucht. Offensichtlich hatte man auch damals Gründe, die Bannmeile aufrecht zu erhalten. Damals kamen diese Demonstrationen jedoch meist von links, heute auch von rechts und immer mehr auch aus der Mitte der Bevölkerung. Pegida ist sicher ein Phänomen, das es in unserem Land vorher nicht gab.


teleschau: Nachdem Sie nun dieses Jahr beobachtet haben - was glauben Sie, in welche Richtung sich der nervöse Prozess bewegen wird? Wird es noch aggressiver in Deutschland?


Lamby: Wir müssen lernen, Öffentlichkeit nicht mehr als mehr oder minder geschlossenen Raum zu betrachten. Es gibt nicht mehr diese eine Öffentlichkeit, in der Meinungen gemacht oder ausgehandelt werden. Meinungen zirkulieren heute zunehmend als Blasen, die sich voneinander entfernen. Auch da lohnt der Blick in die USA. Wenn Donald Trump seinen Wahlkampf auf so genannten "Freunden" von Facebook und Twitter aufbaute, dann sind das seine Kreise. Die sind jedoch weitgehend unabhängig von jenen Kreisen, in denen sich etablierte Medien und ihre Nutzer bewegen - Medien, die Trump bekämpft und als Fake-News-Media bezeichnet. Die er gar als Feinde des amerikanischen Volkes beschimpft. Die Gesellschaft, also auch die Öffentlichkeit, driftet zunehmend auseinander, was uns Sorgen machen sollte. Meine Befürchtung ist, dass der professionelle Journalismus und somit auch der Kitt der Gesellschaft weiter an Bedeutung verlieren wird.


teleschau: Und wo endet das Ganze?


Lamby: Ich will nicht zu negativ klingen, aber es besteht natürlich die Gefahr, dass Politiker diese Blasenbildung für sich instrumentalisieren.


teleschau: Sie meinen eine Koalition der Wütenden und Enttäuschten, die in einem neuen Faschismus enden könnte?


Lamby: Diese Gefahr besteht. Dann nämlich, wenn die Gesellschaft so auseinanderdriftet, dass irgendwann der Kitt fehlt. Zum Kitt gehört definitiv kritischer, unabhängiger Journalismus. Wenn dessen Einfluss immer mehr zerrieben wird, weil sich die Menschen nur noch in ihren Blasen der sozialen Medien informieren, steigt die Chance, dass diese verunsicherte Öffentlichkeit politisch gelenkt werden kann - von Politikern wie Trump, Le Pen oder Wilders. Faschismus ist immer eine Bewegung, die sich aus vielen einzelnen Menschen zusammensetzt. Menschen, die systematisch mit falschen Informationen gefüttert werden.


teleschau: Ihre "Nervöse Republik" ist auch deshalb nervös, weil heute in Echtzeit-Tempo Nachrichten und eben auch Politik gemacht werden. Hat das enorme Tempo des Informationsflusses unsere Gesellschaft zum Negativem hin verändert?


Lamby: Die Geschwindigkeit der Nachrichten hat auf jeden Fall etwas mit uns gemacht. Der Takt ist schneller und hektischer geworden. Das mag in normalen Zeiten in Ordnung sein, doch in Krisenzeiten ist es eher nachteilig. Einerseits finde ich es in Ordnung, wenn Politiker über Twitter mit Bürgern direkt kommunizieren. Auch wir Journalisten äußern uns über soziale Medien und sollten das auch tun. Trotzdem kann das zu Fehlentwicklungen führen. Am 19. Dezember 2016 war das Attentat auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche. 75 Minuten nach dem Anschlag twitterte ein AfD-Politiker "Merkels Tote". Am Morgen danach sagte der bayerische Ministerpräsident, die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung müsse neu justiert werden. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, ob es sich wirklich um ein Attentat handelte, geschweige denn, dass es einen islamistischen Hintergrund hat. Das war alles sehr voreilig.


teleschau: Was sollte man also tun?


Lamby: Politiker und Journalisten sind gut beraten, wenn sie sich ein bisschen mehr Zeit nehmen, Ermittlungen abzuwarten und dann ihre Schlüsse zu ziehen. Der Drang, als Erster die Deutungshoheit über eine Nachricht zu besetzen, führt zu Oberflächlichkeit, Missverständnissen und Verschwörungstheorien. Das unterscheidet die Art, wie heute Öffentlichkeit organisiert wird von jener vor zehn oder 20 Jahren. Aber wir können das nicht ändern, wir können nur auf die Risiken hinweisen.


Eric Leimann
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