"Es hat mich gefesselt, beschämt und nachhaltig beeindruckt"

Warum "Roots" (ab Karfreitag, 14. April, 22.10 Uhr, History) die wichtigste Serie des Jahres ist

Nein, die Behauptung, dass früher alles besser war, sie stimmt noch nicht einmal fürs Fernsehen. Tatsache ist allerdings, dass es im schnelllebigen und zunehmend vom User bestimmten Programm von heute kaum noch möglich ist, wirkliche Ereignisse zu erschaffen, an die man sich auch in Jahrzehnten noch erinnern wird. Ein Ausnahmeformat wie "Roots" kann es schon angesichts der Inflation an vermeintlichen Events im Programmangebot nicht mehr geben. In den späten 70er-Jahren prägte die packende Serie über die grausame Geschichte des Sklavenhandels die Gefühlswelt einer ganzen Generation. Kunta Kinte - der Name des aus Afrika nach Amerika verschleppten Sklaven ist noch immer ein emotional aufgeladener Begriff. 40 Jahre nachdem das Original, so kann man das schon sagen, die Welt erschütterte, holt History die Neuauflage ins deutsche Fernsehen. Auch das neue "Roots" basiert wie der Straßenfeger aus dem Jahr 1977 auf dem Roman "Wurzeln" ("Roots: The Saga of an American Family") des US-Autors Alex Haley, der in dem Buch das Schicksal seiner Familie verarbeitet.

Als die Serie vor 40 Jahren im deutschen Fernsehen lief, brachte sie Millionen Zuschauer zum Weinen: Viele waren beschämt, manche fühlten sich mitschuldig. Es gab niemanden, den das Drama kalt ließ und nicht zum Nachdenken brachte - darüber, was Menschen Menschen antun. "Roots", die hochmoralische Aufbereitung einer authentischen Geschichte, berührte in den 70er-Jahren alle Herzen.

Jetzt startet das mit Hollywoodstars gespickte Remake, und wieder kommen Schamgefühle auf - diesmal allerdings auch schon im Vorfeld der Ausstrahlung an Ostern, weil sich manche Zeitgenossen offenbar von der bloßen Ankündigung eines solchen TV-Events genötigt fühlen, in den Sozialen Medien mit relativierenden oder gar rassistisch motivierten Kommentaren um sich zu schmeißen.


Auf der History-Facebook-Seite mussten einige Hassbeiträge sogar gelöscht werden, wie die Verantwortlichen auf Anfrage bestätigen. "Wir sind schockiert und negativ überrascht von einigen der Kommentare, die unser Post zur Serie Roots auf HISTORY hervorgerufen hat. Gleichzeitig zeigt dies aber, welche Relevanz die Thematik auch in Gegenwart und Zukunft besitzt", heißt es seitens des Senders in eigener Sache in einem der "Roots"-Threads. Stehen blieb zum Beispiel noch dieser User-Kommentar, der stellvertretend für die Stoßrichtung der meisten kritischen Stimmen zitiert werden kann: "Genau, gerade jetzt, in dieser Zeit. Wir werden mit aller Macht indoktriniert, manipuliert und intrinsisch auf ein schlechtes Gewissen geprägt. Demoralisieren nennt man das beim Militär", schreibt eine Userin ...


Nun könnte man einmal mehr lange und breit darüber diskutieren, was eigentlich los ist in dieser Gesellschaft, wo, wann und warum die Empathie und der Konsens darüber, was sich nicht gehört, auf der Strecke geblieben sind. Und weshalb heute bei praktisch jedem Medien-Thema von den notorisch Argwöhnischen reflexartig das Fass einer großen Verschwörungstheorie aufgemacht wird. Aber hilfreich wäre das auch in diesem Fall kaum.


Eigentlich, möchte man meinen, würde es reichen, jeden, der dieses traurige Kapitel der Menschheitsgeschichte relativiert, ein paar Folgen von "Roots" ansehen zu lassen ... Denn diese Geschichte, sofern man sich darauf einlässt, öffnet noch jedes Herz, was auch die deutlich zahlreicheren wohlwollenden Kommentare auf Facebook im Vorfeld der Ausstrahlung bestätigen. Eine Userin schreibt etwa, sie habe damals "Roots" in der Erstausstrahlung gesehen: "Es hat mich gefesselt, beschämt und nachhaltig beeindruckt. Diese Serie hat meine ganze Einstellung zu vielen Sachen und mein weiteres Leben sehr beeinflusst. Ich bin heute 66." Ein anderer bringt es auf den Punkt: "Diese Serie hat mich mitgeprägt, dass Rassismus Scheiße ist. Jeder Mensch ist erst einmal gleich, egal welche Hautfarbe er hat. Nur sein Verhalten macht ihn unterschiedlich."


Für den vergleichsweise kleinen Pay-Sender History ist die "Roots"-Ausstrahlung das Ereignis des Jahres. Der Wirbel, der nicht nur via Social Media veranstaltet wird, ist entsprechend groß. Unlängst gab es in München eine exklusive Vorabpremiere, bei der Kunta-Kinte-Darsteller Malachi Kirby über die Serie und seinen vor allem physisch extrem anspruchsvollen Part sprach. Der Londoner Schauspieler ließ durchblicken, wie sehr ihm diese Rolle seines noch jungen Lebens am Herzen liegt und machte sein Anliegen deutlich: "Ignoranz ist vielleicht nicht dasselbe wie Rassismus, aber sie kann für eine Gesellschaft genauso bedrohlich werden", erklärte der 27-Jährige. Von "Roots" habe er lange nichts gewusst, das Thema der Sklaverei sei ihm in dieser Dimension überhaupt nicht bewusst gewesen - bis ihn seine Mutter vor einigen Jahren erstmals damit konfrontiert habe. "Sie hat mir das Boxset der Originalserie gegeben, das war zwei Jahre vor der Neuverfilmung, und ich war gefesselt."


Eine Serie wider die sich beängstigend verbreitende Geschichtsvergessenheit, genau das ist "Roots". Zwischen 1500 und 1866 wurden rund 12,4 Millionen gefangene Afrikaner auf mehr als 30.000 Sklavenschiffen über den Atlantik verschleppt. Einer von ihnen war der Junge namens Kunta Kinte, dessen Darsteller nun mahnt: "Wir leben immer noch mit den Folgen der Sklaverei." Lange sei er unsicher gewesen, habe nicht gewusst, wie er den Part des Sklaven glaubhaft mit Leben erfüllen soll: "Roots' war wie eine Reise für mich. Ich wollte nichts kopieren, sondern die Geschichte um Kunta Kinte aus meinem Blickwinkel darstellen."


Aus neutraler Sicht darf man attestieren, dass ihm das geglückt und das Remake absolut gelungen ist. Die Neuauflage war 2016, bei ihrer Erstausstrahlung auf den US-amerikanischen Sendern History, Lifetime und A&E, ein Quotenhit. Die erste Folge sahen 5,3 Millionen Zuschauer - laut History die höchste Einschaltquote der Startfolge einer Miniserie im US-amerikanischen Kabelfernsehen der vorangegangenen drei Jahre. Die Serie erhielt sechs Emmy-Nominierungen und erntete hervorragende Kritiken.


LeVar Burton ("Star Trek - The Next Generation"), der im Original, damals 19-jährig, Kunta Kinte verkörperte, fungierte bei der "Roots"-Neuauflage neben Korin D. Huggins als Co-Executive Producer. Mit Stars wie Laurence Fishburne, James Purefoy, Jonathan Rhys Myers, Forest Whitaker oder Anna Paquin wurde die Adaption den Erwartungen an eine moderne TV-Serie angepasst: Es fehlt nicht an Action, drastischen Gewaltdarstellungen, Tempo und spektakulären Sets. Die ein oder andere soapartige Länge zwischendurch ist zu verschmerzen, weil die brachiale Kraft der Botschaft von "Roots" zu keiner Zeit ignoriert werden kann: "Roots" zeigt, was Menschen einander antun können und rührt dabei zu Tränen.


Es ist fraglos richtig, dass in modernen Spielfilm- und Serienproduktionen längst der Realismus Einzug gehalten hat, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse immer mehr verwischen und überhaupt heutzutage meistens die Antihelden die Coolen sind. Jedoch es ist gerade für junge Menschen wichtig, dass hin und wieder auch eine klassische, zumal historisch fundierte schwarz-weiß-Zeichnung die Verhältnisse klärt. Es geht bei "Roots" nicht darum, fassungslos auf Menschen, die in Ketten liegen, zu starren. Sondern um Herzensbildung, um Mitgefühl und Empathie, und das kann in diesen immer kälter werdenden Zeiten nicht schaden.


Für alle, die trotz allem an der Aktualität einer solchen Produktion zweifeln: Mit seiner Einschätzung, Sklaven seien Einwanderer, hat der afroamerikanische Bauminister Ben Carson aus Trumps Kabinett erst kürzlich für mächtig Aufregung gesorgt. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Schauspieler Samuel L. Jackson schrieb auf Twitter: "Ben Carson ... Ich ertrag's nicht! Einwanderer? Am Boden von SKLAVENSCHIFFEN??!!" Und Whoopi Goldberg empfahl dem Minister schlicht, sich die Fernsehserie "Roots" anzusehen ...


(History zeigt die acht 45-minütigen Episoden von Karfreitag, 14. April, bis Ostermontag, 17. April, täglich ab 22.10 Uhr, in Doppelfolgen, ergänzt jeweils durch die einstündigen Dokumentationen "Roots: Die Geschichte der Sklaverei", 16. April, 0.00 Uhr, und "Roots: Die Doku zur Serie",17. April, 0.00 Uhr).


Frank Rauscher
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