Wie geht's Kommissar Kossik?

Der Dortmunder "Tatort: Sturm" lässt viele Fragen offen

Dann also Ostermontag statt Neujahr: Wegen des Berliner Anschlags vom 19. Dezember wurde der Dortmunder "Tatort: Sturm" um viereinhalb Monate verschoben. Die wendungsreiche Mischung aus Raub- und Terrorthriller dürfte auch nach der verspäteten Premiere für Gesprächsstoff sorgen. Nicht nur weil Peter Fabers (Jörg Hartmann) Intimfeind Daniel Kossik (Stefan Konarske) einen Abgang ins Ungewisse hinlegte ...

Was ist geschehen?

Es begann mit einem Doppelmord an Streifenpolizisten. Nachdem Faber (Jörg Hartmann), Bönisch (Anna Schudt), Dalay (Aylin Tezel) und Kossik (Stefan Konarske) am Tatort eingetroffen waren, fiel dem Chef des notorisch zerstrittenen Kripoquartetts ein Mann auf, der in einer zugesperrten Bank am Computer hockte: Muhamad Hövermann (Felix Vörtler), ein wichtiger Mitarbeiter des Geldinstituts, trug eine Sprengstoffweste und drohte, den Auslöser zu betätigen, sollte ihn irgendwer von seinen Überweisungsgeschäften abhalten.


Wie realistisch ging es zu?


Ein deutscher Konvertit, seine syrische Frau - und ein verzweifelter Imam, dessen schwarze Schäfchen mitten in Dortmund den Dschihad ausrufen: Die Macher des Ruhrpott-"Tatorts" stürzen sich seit jeher mit Feuereifer in die deutsche Wirklichkeit mit all den Problemen, die sie bereithält. Realismus ist oberstes Gebot - ob sich das Ganze auch immer plausibel gestaltet, steht indes auf einem anderen Blatt.


Ergab die Story Sinn?


Eher weniger. Es ist ein ziemlich vertrackter Raub- und Terrorplot, den Richard Huber nach einem Buch von Sönke Lars Neuwöhner und Martin Eigler in Szene setzte. Und bei Licht betrachtet auch ein wenig glaubwürdiger. Dass der frustrierte Sohn eines zum Islam konvertierten Bankers eine solch komplizierte Verlade austüftelt, dass er Sprengstoffattrappen bastelt und Dschihadisten unter falschem Vorwand anwirbt - das ist doch recht aufwendig für das bisschen Rache. Spannend, dramatisch und tragisch war die "Sturm"-Episode aber ohne Frage.


Wie überzeugend waren die Ermittler?


Es war mal wieder der Chef des Dortmunder Ermittlerquartetts, der alle Trümpfe ausspielte. Peter Faber, das weiß man aus seinen bisherigen "Tatort"-Auftritten, hat eh schon alles verloren: Frau, Kind, Selbstachtung, Contenance. Wenig verwunderlich, dass so einer im Angesicht einer (vermeintlichen) Sprengstoffweste nicht die Flatter kriegt. Todesmutig traktierte Faber den nervösen Banker mit Sprüchen, auch der SEK-Einsatzleiter vor der Tür wurde lässig abgewimmelt ("Bombenstimmung hier!"). Ähnlich furchtlos ging vor den Toren der Stadt Intimfeind Daniel Kossik zu Werke - mit bösen Folgen ...


Wie geht's weiter mit Kommissar Kossik?


Die kurze Antwort: gar nicht! Dass es Daniel Kossiks letzter Fall sein würde, war vorher klar. Schließlich hat der Schauspieler Stefan Konarske schon vor einiger Zeit seinen Ausstieg angekündigt - ihn zieht's nach Paris. Seine Ermittlerfigur wiederum zog es zum LKA nach Düsseldorf, doch ob er dort je arbeiten wird? Ob der junge Heißsporn seine schwere Schussverletzung überlebt, ließen die Filmemacher offen. Auch das schockierende Ende wirft Fragen auf: Wie verarbeiten die Polizisten die verheerende Bombenexplosion - körperlich und seelisch? Mehr ein Cliffhanger als ein "Tatort"-Ende. Man darf auf den Fortgang gespannt sein.


Warum wurde der "Tatort" verschoben?


Nachdem sich ein großes deutsches Nachrichtenportal zwei Wochen vor der geplanten Ausstrahlung bemüßigt fühlte, das Ende des Dortmunder Neujahrs-"Tatorts" en detail seinen Lesern zu schildern, war kein Halten mehr. Dominoartig ereiferten sich verschiedenste Medien darüber, dass die ARD nach dem Berliner Anschlag vom 19. Dezember daran festhalte, einen Krimi zu senden, in dem Dschihadisten einen Kleinlaster zweckentfremden. Der verantwortliche WDR zeigte sich erst trotzig, der ARD-Programmdirektor gab schließlich nach: Zwar räumte Volker Herres ein, ein "Tatort" müsse "nah an gesellschaftlichen Realitäten" sein, aber so nah nun offenbar auch nicht. So entschied er, aus "Rücksicht auf die Opfer, ihre Angehörigen, Betroffene und das Empfinden von Zuschauern" den Film aus dem Neujahrsprogramm zu nehmen.


War die Verschiebung nötig?


Richtig ist: Wie bei der Tragödie vom Breitscheidplatz wurde auch in diesen "Tatort" ein Lkw zur Todeswaffe umfunktioniert. Richtig ist auch: Weder ist im Film ein Weihnachtsmarkt zu sehen, noch wird jemand überfahren. Was ist nun angemessen? Der Pietät unter allen Umständen Genüge zu tun? Oder gilt vielmehr, dass man sich vom Terror nicht das Fernsehprogramm vorschreiben lassen sollte? Schwierige Fragen, offene Fragen. Das wird sich auch erst mal nicht ändern. Nach dem Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund geriet der WDR jüngst schon wieder in Rechtfertigungsnöte ...


Wie gut war der "Tatort"?


Ein hochspannender Krimi st den Dortmundern da ohne Frage gelungen. Als Meisterstück der Faber-Ära wird "Sturm" dennoch nicht in die Annalen eingehen. Etwas zu ungelenk wurde die soziale Gefährdungslage mit den Motiven des Heist-Movies gekreuzt. Wir vergeben eine Drei.


Jens Szameit
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