Der Wahnsinn in Person

Ein Einzelgänger auf finsterer Mission: "Taboo" mit Tom Hardy ist eine Abenteuerserie wie aus einer besseren Fernsehzeit

London, 1814: Es regnet, es ist schmutzig, und überall sind dreckige Menschen mit schiefen Zähnen. Dann kommt ein Mann, der es schafft, dass es in dieser ohnehin finsteren Stadt zappenduster wird: Der raubeinige Seefahrer James Delaney, verkörpert von Hollywoodstar Tom Hardy, ist eine der einprägsamsten Serienfiguren des Jahres. Der Actionstar macht die sinistere Abenteuerserie "Taboo" fast im Alleingang zum Ereignis. Aber auch was Ausstattung und Bildsprache angeht, braucht sich die von Ridley Scott mitproduzierte erste Staffel von "Taboo", die seit Kurzem exklusiv bei Amazon abrufbar und nun auch auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich ist, nicht vor anderen internationalen Klasseserien zu verstecken.

Als Delaney nach London zurückkehrt, hat er eine lange Reise hinter sich. Nach steiler Soldatenkarriere verschwand er urplötzlich für zwölf Jahre nach Afrika, er hat mütterlicherseits indianische Wurzeln, und sein kürzlich verstorbener Vater galt als schwer geisteskrank. Von alldem hat Delaney, nur noch halb Mensch und ständig umwettert von bösen Geistern, offenbar nur das Schlechteste mitgenommen.

James Delaney ist zunächst ein unergründlicher Irrer, und er geht seinen Weg, ohne einen Millimeter abzuweichen. Ein Wahnsinnskerl, der wie eine Naturgewalt in der Metropole einschlägt und dort, wo sich übrigens auch Franka Potente als heruntergekommene, zahnlose deutsche Hure herumtreibt, bald zu einem Problem wird: Die allmächtige Ostindien-Kompanie, unter anderem vertreten durch den gewieften Stuart Strange (Jonathan Pryce), möchte Delaney ein kleines, aber strategisch wertvolles Stück Land an der amerikanischen Pazifikküste abkaufen, das er vom kürzlich verstorbenen Vater erbte. Delaney lehnt ab und lässt sich nicht einschüchtern. Das augenscheinlich vom Wahnsinn getriebene "afrikanische Vieh" droht, zum Zünglein an der Waage im britisch-amerikanischen Krieg zu werden.


Derweil verfolgt Delaney noch ganz eigene, persönliche Motive: Ihm geht es teils um Rache, teils darum, die Dämonen der eigenen Vergangenheit zu besiegen, und er agiert auch hier mit wilder Entschlossenheit. Nicht immer gelingt es der Regie, diese gewaltige Figur zu zähmen, weshalb "Taboo" gelegentlich brachial bis an die Grenze zur Albernheit ist. Auch an der bisweilen ruppigen Erzählung voller Gewaltexzesse könnte sich mancher stören. Diese Makel aber werden gekonnt aufgewogen durch grimmigen Humor und eine berauschende Ästhetik, die sogar Hochglanz-Kostümserien wie "Vikings" und "Game of Thrones" aussticht.


Am Ende ist es aber vor allem Tom Hardy, der über vereinzelte qualitative Schwankungen hinwegsehen lässt. Nachdem er sich schon in Filmen wie "The Dark Knight Rises" oder "Mad Max: Fury Road" als Spezialist für kaputte und gepeinigte Seelen bewies, geht er auch in der Rolle des James Delaney voll auf. Trotz seines unwirschen Gemüts, gelingt es dem Hauptdarsteller, dass man diesen Irren mag und ihn gerne auf seiner Reise durch den dunklen Moloch London begleitet. Die gute Nachricht zum Schluss: Eine zweite Staffel soll bald folgen.


John Fasnaugh
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