Frühlingserwachen im Problembezirk

Die TNT-Serie "4 Blocks" erzählt ab 8. Mai von den arabischen Clans Neuköllns

Manche Dinge brauchen eben Zeit. Die deutsche Serie etwa, die nach langer Dürre auf dem fruchtbaren Boden der Streamingdienste zart zu sprießen beginnt. Während Amazon und Netflix das Wachstum mit ihren Setzlingen "You Are Wanted" und "Dark" vorsichtig beschleunigen und ARD/Sky mit "Babylon Berlin" gleich einen Mammutbaum einpflanzt, fängt es bei TNT Serie bereits zu blühen an - wenn auch in düsteren Farben: Nach der Psychothriller-Serie "Weinberg" veröffentlicht der Pay-TV-Sender mit "4 Blocks" (ab 8. Mai) nun seine zweite deutsche Eigenproduktion. Und wieder wagt man sich mit der Mafia-Saga an ein Genre, das hierzulande ein Dasein als Schattengewächs fristet. Die sechsteilige Miniserie widmet sich den kriminellen arabischen Clans von Berlin-Neukölln - samt ihren Gefühlen und Zweifeln. Kann so eine experimentelle Züchtung auf hiesigem Boden gedeihen? Der Regisseur und seine drei Hauptdarsteller geben sich zuversichtlich.

Die bislang einzige seriöse deutsche Serie über mafiöse Strukturen, Dominik Grafs "Im Angesicht des Verbrechens", erwähnt Regisseur Marvin Kren nicht. Nein, als Antwort auf die Frage nach den Einflüssen müssen für den Wiener, der bereits so manchen "Tatort" inszenierte, schon die Genre-Könige "Sopranos" und "Gomhorra" herhalten. Doch auch diese Meisterwerke scheinen die Essenz von "4 Blocks", das mit einem Budget von 4,2 Millionen durchaus Ambitionen hegt, nicht zu fassen: "Vor allem diente tatsächlich Neukölln als Inspirationsquelle", betont der Filmemacher. Jener berüchtigte Stadtteil Berlins also, der seit langem als Inbegriff von Armut, Kriminalität und fehlgeschlagener Integration herhalten muss.

Kaum ein anderer Stadtteil in Deutschland besitzt einen derartigen Ruf als arabische Hochburg und Problembezirk; zugleich avancierte Neukölln in den vergangenen Jahren zum neuen Hipster-Hotspot der Republik. Als Schauplatz von "4 Blocks" eignet es sich gerade aufgrund dieser Widersprüche bestens - bestimmen doch vor allem Ambivalenzen den Kern der Serie. Die titelgebenden Häuserblocks werden vom Familienclan der Hamadys kontrolliert: Ob Drogenhandel, Geldwäsche, Prostitution oder Schutzgelderpressung - die Familie weiß, was das Mafia-Herz begehrt. Allein: Clanoberhaupt Toni, gespielt vom deutschen Vorzeigearaber Kida Khodr Ramadan, hat eigentlich gar keine Lust mehr auf die ganze Kriminalität, will für Frau und Tochter "zum deutschesten Deutschen" werden.


"Er steht seiner Welt kritisch gegenüber, ist ein liebevoller Familienvater", fasst Regisseur Kren zusammen. Dass Kriminelle zugleich liebende Väter und damit komplexe Charaktere sein können, zeigten schon die "Sopranos". Ebenso vielschichtig, menschlich und in ihren Urteilen fehlbar umreißt "4 Blocks" auch die Einheit von Polizisten, die eines Tages Tonis schöne Ausstiegspläne bei einer Razzia zunichte machen. Sein Schwager, gespielt vom bekannten Rapper Massiv, wird festgenommen. Toni hat keine Wahl: Er muss wieder rein in den Sumpf aus Gewalt und Verrat, aus Ehre und Testosteron - vor allem auch, damit sein bedrohlicher Bruder Abbas nicht alles noch schlimmer macht.


Abbas wird verkörpert vom Gangsta-Rapper Veysel, der im echten Leben bereits wegen Körperverletzung mit Todesfolge im Knast saß. Auch wenn sich der gebürtige Essener inzwischen wie ein geläuterter zahmer Teddy gibt - die von ihm ausgestrahlte so genannte Streetcredibility beeindruckt dann doch: "Ich kenne den Kiez, bin mit den Leuten zum Teil groß geworden" sagt der Rapper, "da weiß ich, wie einer sich bewegt, oder wie er redet. Ich hab gewusst, wie man sich verhalten muss." Für Veysel, der seine Sache wirklich gut macht, war es die erste Rolle überhaupt; die Schauspielerei immer ein Traum, wie er sagt. Und seine Freunde aus dem Kiez? "Die sind sehr stolz, dass ich mit dabei bin", grinst der Rapper.


Auch für den erfahrenen Routinier Ramadan ("Knallhart", "Blockbustaz") war es ein Erlebnis, in Neukölln zu drehen - schließlich wohnt der gebürtige Libanese noch immer im Kiez. "Du kannst da nebenher bei der Bäckerei ein Teechen holen, chillst mit Kumpels, oder gehst in die Shisha-Bar. Das war ein Heimspiel." Probleme habe es beim Dreh deshalb auch nie gegeben, erklärt der 40-Jährige: "Wir haben den Menschen dort aber auch erklärt, dass wir keine Serie gegen, sondern für unsere Leute machen. Das ist ein großer Unterschied". Raus aus dem Vorurteil, rein in eine Welt, die sich herzlich, bunt und offen, im Untergrund aber tatsächlich oft hart, brutal und gnadenlos gibt. "4 Blocks" zeigt vor allem: Der Grad zwischen Freundschaft und Feindschaft, zwischen Zusammenhalten und Zusammenschlagen ist unter der Oberfläche Neuköllns schmal.


Auch der Dritte im Bunde kennt diesen Teil der Hauptstadt - allerdings aus anderer Perspektive: Shootingstar Frederick Lau ("Victoria") spielt mit der Figur Vince einen nicht-arabischstämmigen Neuköllner und alten Jugendfreund von Toni, der nach 15 Jahren plötzlich wieder auftaucht und Geld benötigt. Lau weiß als gebürtiger Berliner: "Ich bin Steglitzer Junge, und als wir früher immer in Berlin unterwegs waren und wir mussten in Neukölln aussteigen, hieß es schon: 'Fuck, Sonnenallee raus!' Es war nicht das Coolste damals, dort auszusteigen. Als 13-Jähriger dachtest du dir immer: 'Mal sehen, was da auf dich zukommt.' Da hieß es schnell: 'Was machst du in meinem Bezirk?!"


Heute sieht es ein wenig anders aus: "Ich hasse diese Drecks-Hipster, die haben den ganzen Bezirk durcheinandergewirbelt", entfährt es in "4 Blocks" einem der alteingesessenen arabischen Gangster. Und auch Frederick Lau vermisst, trotz aller Probleme, das alte Neukölln, das langsam gentrifiziert wird: "Viele sehen das voll locker, aber ich bin schon traurig deswegen. Das war schließlich immer das Interessante, das Mystische." Genau jenes Mystische, das sich in Neukölln spiegelt, betrachtet der 27-Jährige als wesentliches Moment des Filmschaffens überhaupt: "Deshalb erzählen wir ja darüber. Mich interessieren Geschichten über Welten, die ich nicht kenne; in denen ich mich verlieren kann."


Doch wie nähert man sich einer mystischen Welt wie dieser? "Man trifft sich auf Parkplätzen", lautet die knappe Antwort von Regisseur Kren, der zur Recherche auch den Kontakt zum Untergrund-Milieu Neuköllns nicht scheute: "Wir haben ein paar Runden mit den Autos gedreht und so das Milieu kennengelernt. So wurde mir das vorgestellt. Mir wurden Geschichten erzählt, die auch für das Drehbuch inspirierend waren. Der Ansatz sollte ein neuer sein: Dass die Jungs ihre Sachen sagen können, mit ihrem Wissen, was Straße bedeutet." Der Slang, die Gesten, der Umgang miteinander - man merkt "4 Blocks" diese Nähe zum Gegenstand an. Es ist die Nähe zu einer Welt, die auf viele Außenstehende noch immer bedrohlich wirkt.


Insbesondere in Zeiten wie diesen könne der eindrückliche Realismus der Serie, die trotz allem mit den Klischees kreativ spielt, problematisch sein. Kida Ramadan berichtet: "Eine Kollegin meinte neulich, sie fände das alles super, nur eine Sache mache ihr Angst: Dass die AfD mit Blick auf die Serie wieder rummotzt: Da guckt euch das mal an!"


Die Frage nach einer derartigen Reaktion des deutschen Publikums hält auch Kren für legitim: "Befeuern wir damit die Debatte um so genannte kriminelle Ausländer?" Der Regisseur gibt die Antwort selbst: Er glaube, "gerade der provokative Ansatz" von "4 Blocks" helfe bei der Aufklärung. "Differenziert aus der Familie heraus zu erzählen, ihnen eine Stimme zu geben; zu zeigen, dass es entsetzlich sein kann, kriminell zu sein. Durch diese offensive Herangehensweise wird die Kritik hoffentlich obsolet." Man merkt es: Die komplexe, kreative und kontroverse deutsche Serie - sie wächst und gedeiht langsam.


"4 Blocks" wird ab 8. Mai immer montags, um 21 Uhr, auf TNT Serie als deutsche Erstausstrahlung zu sehen sein.


Maximilian Haase
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