"Es gibt Menschen, die abgrundtief böse sind"

Rechtsmediziner Professor Michael Tsokos ist bei SAT.1 "Dem Tod auf der Spur" (ab 07.06., mittwochs, 22.30 Uhr)

Ein süßlicher Geruch in der Luft. Man könnte ihn ignorieren - wären da nicht die etwa 30 Leichen in weißen Säcken. Ermordete, Verunglückte, Selbstmörder: Hier, in der rechtsmedizinischen Abteilung der Charité in Berlin, liegen sie gut gekühlt. Untersucht hat sie der bekannte Rechtsmediziner Professor Michael Tsokos, der seine SAT.1-Sendung "Dem Tod auf der Spur" (ab 07.06., mittwochs, 22.30 Uhr) in den sterilen Gängen seines Instituts präsentiert. Grün gekachelt, so ein gängiges Bild, ist es hier nicht. Nur eines der Klischees, die Tsokos mit seinem vierteiligen TV-Format entkräftigen will: acht echte deutsche Fälle, rekonstruiert mithilfe von Special Effects. Kein morbider Horror, sondern Wissenschaftlichkeit - ebenso pragmatisch wie der 50-Jährige, der pro Jahr 1.200 tote Körper obduziert. Und der - man will den schönen Schauer ja doch - dann noch ein bisschen Show liefert: Fast stolz präsentiert der gebürtige Kieler Knochen aus dem Zweiten Weltkrieg, die schaurige "Ich will nicht"-Botschaft eines Toten sowie ein Schuhpaar mit Knochensplittern in den Sohlen. Anfängermaterial für Tsokos, der behauptet, er habe über 200.000 Leichen gesehen.

teleschau: 200.000 - Professor Tsokos, kann diese Zahl denn stimmen?

Professor Michael Tsokos: Klar. Ich habe zum Beispiel die ganzen Opfer von Srebrenica in Bosnien obduziert. Ich bin jeden Tag durch Krematorien gefahren, in denen täglich 80 Leichen lagen. Ich sah die ganzen Tsunami-Opfer. Ich stand in Tempelanlagen in Thailand, da lagen 40.000 Tote vor mir. Insgesamt waren das allein dort über 300.000. Wenn man den Leuten sagt, eine halbe Million, dann glaubt es keiner. Doch das kommt schnell zusammen.


teleschau: In "Dem Tod auf der Spur" präsentieren Sie Fälle aus Ihrem gleichnamigen Buch. Wie kam es denn zur Zusammenarbeit mit SAT.1?


Tsokos: Ich schreibe seit zehn Jahren Sachbücher, die waren alle Bestseller. Da bleibt es nicht aus, dass man in Talkshows eingeladen wird und auch Produktionsfirmen an einen herantreten. Dass man mich mit meinen Fällen im TV bringen will, ist in den letzten Jahren oft passiert. Das waren leider immer Luftnummern.


teleschau: Inwiefern?


Tsokos: Es fing damit an, dass die Leute nicht in der Materie waren. Dabei geht es ja auch um eine gewisse Wertschätzung. Bei den jetzigen Produzenten war das anders: Die hatten die Bücher gelesen, hatten sich mit mir beschäftigt und besaßen eine ganz klare Vision.


teleschau: Wie sah diese Vision konkret aus?


Tsokos: Die wollten nichts Boulevardeskes machen, sondern etwas wirklich Seriöses. Ich sollte dabei immer als Wissenschaftler und Professor rüberkommen; es ging nicht um den Gruselfaktor. Zum anderen kamen sie bereits mit der Idee an, die Fälle durch CT-generierte Hologramme zu visualisieren. Realisiert hat das dann eine Special-Effects-Firma, die schon die Effekte für "Game of Thrones", "The Walking Dead" und "Grey's Anatomy" machte. Das hatte Hand und Fuß.


teleschau: Warum zogen Sie überhaupt in Erwägung, Ihre Fälle im Fernsehen zu zeigen?


Tsokos: Mir macht es Spaß, Wissen zu transportieren - deshalb bin ich ja auch Hochschullehrer geworden. Aus diesem Grund schrieb ich auch meine Sachbücher. Irgendwann sagten mir Leute im Privaten: Das musst du aufschreiben, das glaubt kein Mensch!


teleschau: Und im TV lässt sich das noch besser vermitteln?


Tsokos: Vor allem bestand dahingehend eine Lücke im deutschen Fernsehen. Zwar gibt es "Autopsy" und "Medical Detectives" - aber das sind alles amerikanische Fälle. Für deutsche Fälle gab es das nicht, diesen neuen Ansatz: Nicht "Whodunnit?" sondern "What Happened?".


teleschau: Was bedeutet diese neue Herangehensweise genau?


Tsokos: Wir zeigen, wie man rechtsmedizinisch Fälle untersucht, aber auch, wo unsere Grenzen dabei sind: Manchmal folgen die Juristen beispielsweise unseren Feststellungen nicht. Wir zeigen, dass es diese Supermann-Rechtsmediziner aus dem Fernsehen nicht gibt. Jene, die alles können, auf die Minute genau die Todeszeit und die irrsten Mordmethoden nennen können. In Wirklichkeit ist das Teamarbeit - zwischen uns und den Kriminalisten und Kriminaltechnikern.


teleschau: Schauen Sie persönlich den bekannten Klischee-Rechtsmedizinern im Fernsehen zu? Professor Boerne aus dem "Tatort" etwa?


Tsokos: Ja, für meine Bücher schaute ich auch bewusst "Tatort" oder "Das Schweigen der Lämmer". Die dort bedienten Klischees nahm ich dann gezielt heraus, um sie zu verarbeiten.


teleschau: Können Sie ein Beispiel nennen?


Tsokos: Viele! Die berühmte Mentholpaste, die man sich unter die Nase reibt, existiert etwa nicht. Außerdem werden wir immer als "Pathologen" bezeichnet - das ist etwas völlig anderes, der Unterschied ist so groß wie der zwischen Gynäkologen und Augenarzt. Oder auch, dass die Angehörigen durch den Sektionssaal rennen, um die Leichen zu identifizieren. Oder der Rechtsmediziner, der nachts noch an den Tatort geht. Diese Klischees habe ich dann der Wirklichkeit gegenüber gestellt.


teleschau: Wie sieht es aus mit der verschrobenen Art vieler Rechtsmediziner im Fernsehen? Auch nur ein Klischee?


Tsokos: Die trifft schon ein Stück weit zu. Aber wir sind nun keine zynischen Eigenbrötler, die mit ihrem Leben und mit anderen Menschen nicht klarkommen. Dennoch sind Rechtsmediziner schon spezielle Menschen. Ich kenne einen, der hat das Becken seiner Schwiegermutter in einem Glas - die starb nach einem Kunstfehler, er hat sie obduziert und das Becken aufgehoben. Ein anderer stellt in einem riesigen Keller mit seiner Modelleisenbahn unzählige Unfallszenarien nach. Also: Wir sind eine besondere Sorte, aber nicht die chronisch Schlechtgelaunten.


teleschau: Welche Eigenschaften machen einen Rechtsmediziner denn aus?


Tsokos: Man muss auf jeden Fall ein lebensbejahender Mensch sein. Wenn es um getötete Kinder geht, um Sexualdelikte oder um brutale Morde: Da darf man nicht zartbesaitet sein; man muss positiv denken, damit das einen nicht runterzieht. Auch muss man so klar sein, dass man die Emotionen völlig aus dem Spiel lassen kann.


teleschau: Geht das denn?


Tsokos: Ich muss emotionslos ein getötetes Kind untersuchen können. Da darf ich nicht die ganze Zeit darüber nachdenken, wer das war. Sondern die Befunde sichern. Das muss man streng trennen können.


teleschau: Helfen Ihnen bestimmte Strategien dabei?


Tsokos: Nein. Man kann das oder man kann das nicht. Das merkt man relativ schnell. Es gibt einige Kollegen, die nach ein paar Jahren merkten: Ich kann nicht noch einmal ein getötetes Kind obduzieren. Da hört man dann auf.


teleschau: So schrecklich ein jeder Mord ist - sind Terroranschläge für Sie noch einmal etwas anderes? Sie untersuchten die Opfer vom Breitscheidtplatz im Dezember - an Ihrer Institutswand erinnert sogar ein Dankesbild vom BKA daran ...


Tsokos: Ein Terroranschlag besitzt natürlich noch einmal eine andere Dimension. Da gehen Menschen auf den Weihnachtsmarkt, fühlen sich wohl - und werden dann jäh aus dem Leben gerissen. Das hat eine andere Qualität als der klassische Mord. Das ist zwar auch furchtbar, aber für mich das "Normale". Normal ist hingegen nicht, wenn zwölf Menschen getötet werden, die drei Minuten vorher noch zusammen Glühwein tranken und lachten.


teleschau: War nach dem Anschlag überhaupt an ein normales Nachhausegehen zu denken?


Tsokos: Nachhausegehen war gar nicht. Wir haben am 20. morgens angefangen und waren am 23. abends fertig. Wir haben einfach nur versucht, am 24. durch zu sein, weil wir alle bei unseren Familien sein wollten. In der Woche hat keiner geschlafen. Wer das getan hatte, war für mich eigentlich unerheblich zu diesem Zeitpunkt. Wichtig war, den Toten einen Namen zu geben, damit die Angehörigen Gewissheit haben. Es ging darum, das möglichst professionell abzuarbeiten.


teleschau: Trotz aller Professionalität: Gibt es Fälle, über die Sie ungern reden?


Tsokos: Nein. Ich finde, dass man über die Fälle reden muss. Welche Fälle mich nach wie vor berühren, sind tödliche Kindesmisshandlungen. Wenn da eine Zweijährige vom neuen Lebensgefährten der Mutter die ganze Nacht misshandelt und dann getötet wird. Aber darüber muss man reden! Die Grausamkeiten aufzuzeigen, damit diese Gesellschaft nicht noch weiter verroht. Wie es dazu kommen kann. Und auch, damit die Erinnerung an solche Leute und solche Taten nicht verblasst. Es gibt einen Unterschied zwischen denen und uns.


teleschau: Meinen Sie zwischen guten und schlechten Menschen?


Tsokos: Ich habe in meinem Leben viel mehr gute Menschen kennengelernt als schlechte. Ich glaube nach wie vor an das Gute im Menschen. Aber ich weiß auch, dass es böse Menschen gibt. Das ist keine Einbildung oder eine biblische Phrase. Es gibt Menschen, die abgrundtief böse sind.


teleschau: Hinter dem grundsätzlich Bösen vermuten Sie aber nichts Höheres - etwa im religiösen Sinn?


Tsokos: Nein, ich bin konfirmiert, aber bewusst aus der Kirche ausgetreten. Denn den Bibelgott, der einem im Religionsunterricht beigebracht wird, den gibt es nicht. Es kann nicht Gottes Wille sein, dass Kinder getötet und gequält werden.


teleschau: Das heißt, Sie denken auch nicht über den Tod nach - vor allem, was danach kommen könnte?


Tsokos: Ich bin da sehr pragmatisch. Nach dem Tod kommt die Fäulnis - und mehr nicht. Das war's. Keine Seele, die hinausflattert. Wir haben nur dieses eine Leben jetzt.


teleschau: Wissen Sie dadurch und durch Ihre Konfrontation mit dem Tod Ihr eigenes Leben mehr zu schätzen?


Tsokos: Absolut. Es ist zwar nicht so, dass ich jetzt wirklich viel gesünder lebe als früher. Aber manchmal halte ich inne und denke: Es kann im nächsten Moment zu Ende sein. Wenn ich vor die Institutstür trete und vom Laster überfahren werde. Oder mir fällt vom Baugerüst ein Stein auf den Kopf. Das sind die Dinge, die wir hier den ganzen Tag sehen.


Maximilian Haase
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