Zu viel der Krimi-"Kunst"?

So seltsam verabschiedete sich der Kieler "Tatort" von Sibel Kekilli

Nein, das fand nicht jeder gut. Der "Tatort" aus Kiel mit dem so charmanten Titel "Borowski und das Fest des Nordens" war weniger klassischer Krimi denn Kunstfilm. Mehr "kleines Fernsehspiel" am Montagabend denn Sonntagabendunterhaltung. Dabei ging eine Tatsache beinahe unter: Es war der letzte Auftritt von Sibel Kekilli als Ermittlerin an der Seite von Borowski. Dafür, dass es keine klassische Abschiedsszene gab, gibt es gleich mehrere Gründe.

Worum ging es?

Erst in der Mitte des Films erfuhr man seinen Namen. Getötet hat er gleich zu Beginn. Roman Eggers (Mi?el Maticevic) schlägt wie wild auf seine Freundin ein, bis sie tot am Boden liegt. Sein Leben ist aus den Fugen geraten, nachdem er in finanziellen Schwierigkeiten kommt. Und obendrein: Seine Ex-Frau will nicht, dass er seine Kinder weiterhin sieht. Im Strudel nach ganz unten tötet Eggers ein zweites Mal. Die Kieler Ermittler Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) tappen zunächst im Dunkeln. Am Ende erliegt der Täter einer Verletzung, die er sich in einem Kampf zugezogen hat. Oder hat Borowski gar nachgeholfen?


Wie spannend war's?


Nachdem dem Zuschauer der Täter von Anfang an bekannt war, konnte Spannung nur aus den Fragen entstehen: Wie kriegen die Kommissare den Mörder zu fassen? Und: Wird er das alles selbst überleben? Da im Film jedoch die stilistischen Elemente über der reinen Story standen, wackelten sich die Bilder doch recht zäh Richtung Finale, das allerdings eine starke Atmosphäre bot.


Warum wackelten Bilder immerzu?


Das ist Kunst. Cineasten mögen die Dogma-Filme der 90er-Jahre in den Sinn gekommen sein. Ein Manifest der dänischen Regisseure Lars von Trier und Thomas Vinterberg gab damals ein Regelwerk vor, das für bestmögliche Wirklichkeitsnähe sorgen sollte. Was dann auch bedeutet: Die Kamera wird in der Hand geführt und nicht auf einem Stativ. Der Regisseur Dominik Graf, den der NDR als Gastkritiker für den Kieler "Tatort" engagierte, sagt in seinem Textbeitrag, sie suggeriere, "die Seelen der Figuren zappeln alle schon im Fegefeuer". Der Regisseur Jan Bonny habe "einen deutschen Dogma-Stil entwickelt, den wir so auch am Höhepunkt der Dogma-Welle in der zweiten Hälfte der 90-er nicht hatten".


Wie realistisch war das alles?


Mord im Affekt - keine Seltenheit, sondern eher die Regel. 18,5 Prozent aller Gewaltverbrechen mit Todesfolge, ob Mord oder Totschlag, finden innerhalb von Beziehungen statt. Der Rahmen des Films war also sicher realistisch. Die Ermittlungsmethoden der Kieler Kommissare, die sich wieder einmal ständig in den Haaren lagen, wohl eher nicht. Borowski schien durchgängig merkwürdig entrückt, während sich seine Kollegin Brandt auf die Fakten berief.


Warum gab es keinen richtigen Abschied für Sibel Kekilli?


Die Schauspielerin verlässt den Kieler "Tatort" auf eigenen Wunsch, um sich neuen Projekten zu widmen. Der Film wurde jedoch bereits Mitte 2015 gedreht und lag seither auf Eis. Der NDR suchte zur Ausstrahlung die zeitliche Nähe zur realen Kieler Woche (17. bis 25. Juni). Damals war der Abschied Kekillis noch gar nicht klar. Sie selbst ist zufrieden mit ihrem letzten Fall: "Es ist definitiv ein würdiger Abschluss. Ich habe mich bewusst gegen einen Abschluss-'Tatort' entschieden. Man muss eine Geschichte nicht immer auserzählen, und durch die beiden letzten Kieler 'Tatorte' wird Sarah Brandt doch einigen in guter Erinnerung bleiben. In jedem Falle bleibt sie das für mich, und ich kann ihr guten Gewissens Lebewohl sagen."


Warum war der "Tatort" so brutal?


Der Film zeigte die Gewalt als das, was sie ist: ungemein verstörend. Es wurde geschrien, geweint, gejammert. Regisseur Jan Bonny dementiert dennoch: "Gewalt im Film ist nie realistisch. Sie ist in der Wirklichkeit viel grausamer, als es ein Film erzählen kann."


Wie gut war dieser Tatort?


Er war mehr als die meisten anderen "Tatorte" Geschmackssache. Wer der Auffassung ist, filmische Experimente müssten unter der etablierten Marke am Sonntagabend stets erlaubt sein, wird ihn mit Interesse gesehen haben. Allen anderen dürfte das hektische Treiben samt der forschen Schnittfolgen gehörig auf den Geist gegangen sein. Ebenso wie das streckenweise höchst seltsame Gebaren Borowskis. Wir zählen uns zu letzterer Publikumsgruppe und vergeben eigentlich eine noch freundlich gemeinte 5 minus ... - aus der wir dann aber doch noch eine 4 minus machen aufgrund der fantastischen schauspielerischen Leistung von Mi?el Maticevic.


Kai-Oliver Derks
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