Vergesst Trump!

Bei Sky startet am 30. Mai die fünfte Staffel der Politserie "House of Cards"

Zynisch, aber wahr: Eine bessere Promotion als die Existenz von Donald Trump im Weißen Haus hätten sich die Macher von "House of Cards" zum Start der fünften Staffel gar nicht wünschen können. Wer die Wortkombination "Spacey - Trump" bei Google eingibt, erhält 670.000 Ergebnisse. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass es im Juni Millionen sein werden. Kein Interview, in dem Kevin Spacey, Hauptdarsteller und Produzent der mehrfach preisgekürten Politserie, nun nicht nach der Realität gefragt wird, nach den Parallelen. Sein Präsident, den er spielt, Francis Underwood - ein vollendeter Schurke. Und Donald Trump? Spacey hat sich auf all das eine zauberhafte Antwort bereitgelegt. "Nun, ich denke, wir haben die besseren Autoren."

Am 30. Mai startet die fünfte Staffel der Erfolgsserie, die weltweit für Aufsehen sorgt. In Deutschland bleibt es bei der schon bei der vierten Staffel gültigen, paradoxen Regelung: Obwohl "House of Cards" eine Netflix-Produktion ist, ist sie hierzulande zunächst bei Sky, genauer bei Sky Atlantic (in Doppelfolgen, immer dienstags um 20.15 Uhr) zu sehen. Gleichzeitig steht die komplette Staffel auf Sky On Demand, Sky Go und Sky Ticket auf Abruf zur Verfügung. Die Rechte waren an Sky verkauft worden, bevor Netflix auf dem deutschen Markt aktiv wurde. Etwa ein halbes Jahr wird es also dauern, bis "House of Cards" bei Netflix zu sehen sein wird. Wer kein Sky-Kunde ist, kann die 13 Folgen auch bei iTunes mit einem Staffelpass erwerben. Eine Bereitstellung erfolgt hier aber erst parallel zur US-Ausstrahlung im Wochenrhythmus.

Gedreht wurde im Herbst des vergangenen Jahres, als Trump noch kein Präsident war und viele in den USA auch nicht daran glaubten, dass er es jemals werden könnte. Echte Auswirkungen auf die Serie wird die Realität also erst in der sechsten Staffel haben können. Wobei: "Trump hat all unsere Ideen für die sechste Staffel geklaut", scherzte Hauptdarstellerin und Executive Producerin Robin Wright im Interview mit "Variety", die mit Sorge den möglichen vier Amtsjahren Trumps entgegensieht. Sie wünscht sich eines Tages Michelle Obama im Oval Office. "Sie wäre eine großartige Präsidentin."


Tatsächlich mag die Realität in den USA nun "House of Cards" eine Menge unfreiwilliger PR einbringen. Andererseits: Sie schadet der Serie auch. Wer einen Blick auf die ersten Folgen wirft, wird sich bei einem ständigen Abgleich von Wahrheit und Fiktion erwischen. Nächste Intrige - Check. Grenzen schließen aus Angst vor Terror - Check. Öffentliche Lüge - Check. "House of Cards" verliert an Eigenständigkeit, der potenziell dauernde Vergleich verstellt den Blick auf die Genialität dieser derzeit wahrscheinlich besten Dramaserie der Welt.


In einem ist "House of Cards" recht sicher besser als die Trump-Regierung: Alles blieb geheim bis zum Start. Der Presse, die zwei Folgen zu sehen bekam, wurde strenge Auflagen gemacht, und so sickerte wenig bis gar nichts durch über die Handlung der fünften Staffel. Sicher ist: Die USA befindet sich im Krieg gegen den Terror. Die letzte Szene von Staffel vier ist in guter Erinnerung: Hier verfolgten Underwood und seine Frau Claire (Robin Wright) live im Netz die Ermordung einer amerikanischen Geisel durch islamistische Terroristen. Der Präsident blickt in die Kamera: "Ganz richtig: Wir beugen uns nicht dem Terror. Wir sorgen selbst für den Terror." So endete die Staffel. Kenner stellten darüber hinaus fest, dass zum ersten Mal nicht nur der Präsident die sogenannte "vierte Wand" durchbrach, also direkt in die Kamera blickte und sich an das Fernsehpublikum wandte. Auch Claire tat das, allerdings ohne etwas zu sagen.


Tatsächlich wird ihre Rolle in der fünften Staffel mit Spannung erwartet. Robin Wright kämpfte zuletzt lautstark um eine gleiche Bezahlung wie Kevin Spacey, die sie dem Vernehmen nach auch jetzt nicht erreicht hat. Doch ihre Figur wird, davon ist auszugehen, an Bedeutung weiter zunehmen. Weiter an ihrer Seite steht der Romanautor und Redenschreiber Thomas Yates (Paul Sparks), mit dem sie eine intime Beziehung einging, geduldet vom Präsidenten.


Der zweite Schwerpunkt neben dem übergreifenden Thema "Terror" gehört in der Staffel dem Wahlkampf. Will Conway (Joel Kinnaman) ist Gouverneur von New York und republikanischer Präsidentschaftskandidat. Die Wahlen stehen unmittelbar bevor. Conway entpuppt sich als ernstzunehmender Gegner, versteht er sich doch auf die Manipulation der Wähler und das politische Machtspiel hinter den Kulissen fast ebenso gut wie Underwood. Und schließlich geht der ewige Kampf der Presse gegen den amtierenden Amtsinhaber (Realität? Check!) weiter. Dieser hat, daran sei erinnert, bereits zwei Morde selbst begangen.


Ohnehin liegen so viele wichtige Ereignisse bereits hinter den Protagonisten, dass - eigentlich überflüssig zu erwähnen - ein Späteinstieg in Staffel 5 bei dieser Serie vollkommen unsinnig ist. Aber: Wer sich je fragte, welche Serie lohnt, im Rahmen einiger Binge-Watching-Wochenenden nachgeholt zu werden, der hat hier die Antwort: "House of Cards" ist ohne Frage die relevanteste Serienproduktion der Gegenwart. Und sie passt immer noch, nicht nur wegen Trump, in die Zeit. Mit Erfolg und ungeheurer Wucht trat Kevin Spacey der Politikverdrossenheit schon zu einer Zeit in den Allerwertesten, als die Welt noch eine vermeintlich bessere war.


Was nun also kommt, sollte nicht als Wettlauf begriffen werden, nicht als absurder Wettbewerb zwischen einem echten und einem erfundenen Präsidenten. Wer's tut, verdirbt sich den Spaß an dieser unglaublich guten Serie, die nicht nur ausgefuchste Drehbücher besitzt, sondern bis hin zum unwichtigsten Nebendarsteller herausragend besetzt ist. "House of Cards" gehört zum Besten, was das Fernsehen in diesem Jahrtausend hervorgebracht hat. Und damit hat Donald Trump rein gar nichts zu tun.


Kai-Oliver Derks
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