Für die Seele sorgen

Die Programm-Highlights der ARD-Themenwoche "Woran glaubst du?" (Sonntag, 11.06., bis Samstag, 17.06.)

Das Thema Glaube ist wieder wichtiger geworden in unserer Gesellschaft. Viele Deutsche werden diesen eher diffusen Eindruck teilen. Allein schon wegen des Terrors, der vom radikalen Islamismus ausgeht und Diskussionen um religiösen Fanatismus eben auch in Deutschland nach sich zieht. Die ARD-Themenwoche "Woran glaubst du?" setzt von Sonntag, 11. Juni, bis Samstag, 17. Juni, allerdings andere Schwerpunkte als den Islam. "Die Moderne hat den Menschen von sehr vielen Zwängen befreit und ihm gleichzeitig die enorme Last der Individualität auferlegt", sagt der Dresdner Philosoph Markus Tiedemann. Weil man sich in immer komplexeren Räumen eigenverantwortlich bewegen müsse, wachse der Druck auf den Menschen. "Mündig zu sein, ist unsagbar anstrengend", analysiert Tiedemann und liefert damit die Erklärung für die wachsende Bedeutung von Heilsversprechen in Deutschland. Sieben Tage liefern Programme der ARD Beiträge zu dieser Diskussion. Hier ein paar Höhepunkte.

Drei eigens für die Themenwoche produzierte Fernsehfilme hat das Erste zur Frage "Woran glaubst du?" in Auftrag gegeben. Verblüffenderweise geht es in keinem der drei Drehbücher konkret um Religion. Im interessant gedachten, aber mittelmäßig umgesetzten Dresdner "Tatort: Level X" (So., 11.06., 20.15 Uhr, ARD) steht die Glaubensgemeinde des Social Web im Mittelpunkt. Ein junger "Prankster", so nennen sich Menschen, die anderen dreiste Streiche spielen, wurde ermordet - nachdem der junge Held auf seinem Live-Channel gerade eine Rockerbande ärgerte. Als die Ermittler in die Welt der Internet-Gurus eintauchen, treffen sie unter anderem auf einen Web-Unternehmer, der seinen - im wahrsten Sinne des Wortes - Jüngern wie ein "Denglisch" sprechender Messias gegenübertritt.

Durchaus beeindruckend ist hingegen das Drama "Atempause" (Mi., 14.06., 20.15 Uhr, ARD) geraten. Radikal-Filmemacherin Aelrun Goette ("Keine Angst") begleitet die Eltern eines kleinen Jungen, bei dem nach einem harmlos erscheinenden Unfall beim Fußball der Hirntod festgestellt wird. Selten hat man die ersten Tage eines Schocks und bodenloser Trauer intensiver in einem Fernsehfilm dargestellt gesehen. Bis auf eine kurze Szene, in der sich der Vater in die Krankenhauskapelle zurückzieht, fehlt aber auch hier der konkrete Bezug zu Kirche und Religion.


Dieser müsste, so vermutet man beim Titel, im traditionell leichter gedachten Freitagsfilm "Die Konfirmation" (16.06., 20.15 Uhr, ARD) doch gegeben sein? Der mit leisem Humor unterfütterte Familienfilm stellt einen Halbwüchsigen in den Mittelpunkt, der sich zur Überraschung seiner glaubensfernen Eltern, heimlich taufen lässt und nun zur Konfirmation gehen will. Ein recht ordentlicher Streifen des vielfach preisgekrönten Regisseurs Stefan Krohmer ("Dutschke"). Unterm Strich ist er jedoch mehr ein augenzwinkerndes Coming-of-Age-Drama, auch eines der Eltern, als dass er wirklich die Frage stellen würde: Wie sehr beeinflusst Religion das Leben in Deutschland heute noch?


Die Suche nach Antworten findet vor allem in non-fiktionalen Formaten statt. Der Film "Wenn Gewalt das Leben verändert" aus der Reihe "Gott und die Welt" (So., 11.06., 17.20 Uhr) begleitet Albi Roebke auf einer sensiblen Mission. Etwa 80-mal pro Jahr steht der Pfarrer vor der Tür von Menschen, denen er eine schreckliche Botschaft überbringen muss. Roebke ist Seelsorger und begleitet Hinterbliebene von Unfallopfern, Familiendramen oder Selbstmördern.


"Die Story im Ersten: Land ohne Glauben" (Mo., 12.06., 22.45 Uhr) untersucht den Osten Deutschlands, wo sich 20 Prozent der Bevölkerung als Atheisten bezeichnet und in "Spitzenländern" wie Mecklenburg-Vorpommern sogar 80 Prozent der Bevölkerung offiziell konfessionslos ist. Hier haben 40 Jahre Sozialismus ganze Arbeit geleistet. Während sich in der alten Bundesrepublik trotz massiver Kirchenaustritte christliche Traditionen wie Taufe oder Konfirmation gehalten haben, müssen die Menschen im Osten fast ohne religiöse Bindung leben. Wie sie das tun und ob sie etwas vermissen, will der Film von Kai Voigtländer wissen.


Im Dokumentarfilm "Erleuchte uns - Vom Aufstieg und Fall eines Selbsthilfe-Gurus" (Di., 13.06., 22.30 Uhr, Bayerisches Fernsehen) begleitet Filmemacherin Jenny Carchman den New-Age-Guru Arthur Ray nach dessen Entlassung aus dem Knast. Als Superstar der US-Religionsszene, Oprah Winfrey gehörte zu seinen Anhängern, verkaufte er sechs Millionen Exemplare seines Buches "The Secret". Dann jedoch starben während eines von ihm initiierten Schwitzhütten-Rituals drei Menschen. Ray wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Der Film zeigt den Guru nach seiner Haftentlassung. Hat er sich verändert?


Und noch ein Film, der sich mit Heilsbringern außerhalb der etablierten Weltreligionen beschäftigt. Die lange Dokumentation "Guru: Bhagwan, His Sectretary & His Bodyguard" (Di., 13.06., 22.25 Uhr), 2010 lief sie auch im Kino, zeichnet den Weg eines schillernden Religionsführers nach, der vor allem in den 70er-Jahren die junge Welt begeisterte. Passenderweise läuft zuvor Marcus H. Rosenmüllers Culture-Clash-Komödie "Sommer in Orange" (20.15 Uhr). Den Weg von Seelenhütern, die uns vertrauter scheinen, zeichnet die MDR-Dokumentation "Pfarrer werden" (So., 11.06., 22.45 Uhr) nach. Die Filmemacher, die selbst nicht glauben, begleiteten eine Gruppe von angehenden Pfarrerinnen und Pfarrern über das letzte Jahr ihrer Ausbildung. Es geht um Enthusiasmus, aber auch um Zweifel der angehenden Seelsorger.


Die Autoren Katrin Bauerfeind und vor allem Ralf Husmann ("Stromberg") lassen die im Nachtprogramm versteckte Reportage "Bauerfeind recherchiert: Woran glaubst du?" (Mi., 14.06., 0.00 Uhr) interessant erscheinen. Hochgradig subjektiv reisen die beiden Fernsehschaffenden durch Deutschland, um Geschichten über Menschen und ihren Glauben zu erzählen. Ironie und Humor, da darf man sicher sein, werden dabei nicht fehlen. Ernster dagegen die Reportage "Ein neues Herz für Jasmin - Der lange Weg zum Spenderorgan" (Fr., 16.06., 21.15 Uhr, NDR) des preisgekrönten Autors Michael Heuer. Er begleitete ein schwer herzkrankes Mädchen und seine Eltern über vier Jahre, in denen das Warten auf ein Spender-Organ das Leben der Familie bestimmte.


Selbst die eher "Soap"-orientierten Programme der ARD gehen den Weg der Themenwoche mit. So handelt die Folge "Nachspiel" der "Lindenstraße" (So., 11.06., 18.50 Uhr) von der Entscheidung der halbwüchsigen Antonia, Tochter von Iffi und Momo, sich konfirmieren zu lassen. Fans der "Lindenstraße" konnten seit 1. Mai auf dem Online-Portal der Dauerserie über drei mögliche (Drehbuch)entscheidungen abstimmen. Selbst der Krankenhaus-Quotenbringen "In aller Freundschaft" (Di., 13.06., 21 Uhr) schlägt in der Folge "Mach's gut, Nick" existenzielle Töne an. Ein sterbender Jugendlicher und seine Eltern müssen entscheiden, wie viel Leid durch weitere, lebenserhaltende Behandlungen man dem Patienten noch zumuten will.


Das gesamte, multimediale Programmangebot der ARD rund um die Frage "Woran glaubst du?" kann man unter www.themenwoche.ARD.de einsehen.


Eric Leimann
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