Und der Terror fährt mit

Neben der "Institution" Eurosport bleibt auch die ARD live dabei bei der Tour de France (1. bis 23. Juli)

Die Tour des France startet in diesem Jahr in Düsseldorf. Damit findet der Auftakt zum wichtigsten Radrennen der Welt, der Grand Départ, zum vierten Mal nach Köln (1965), Frankfurt am Main (1980) und Berlin (1987) in Deutschland statt. Doch nach jüngsten Zwischenfällen, unter anderem beim Mega-Open-Air "Rock am Ring", das geräumt werden musste, liegt über Massenveranstaltungen nunmehr immer auch ein Gefühl der Terrorangst. Diese sei unbegründet, beeilte sich unter anderem Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) rechtzeitig vor dem Tourstart mitzuteilen. "Jeder kann das Ereignis unbeschwert genießen, ohne Angst haben zu müssen", so sein Versprechen. Und doch werden sich manche fragen: Wirklich? Weil es gewiss sinnlos ist, über so etwas zu spekulieren, lieber schnell zu den Fakten: Das Fernsehen ist wieder umfangreich dabei. Bei ARD und der etablierten Rad-"Institution" Eurosport sind Auftakt sowie alle weiteren 20 Etappen live zu sehen.

Doch sogar für die deutschen Radprofis Marcel Kittel und Tony Martin ist das Thema Terrorgefahr im Hinterkopf präsent. "Es wäre gelogen, wenn ich so tun würde, als ob nichts gewesen wäre", sagte Kittel unlängst in einem Radio-interview. "Gerade als wir letztes Jahr bei der Tour mit dem Wissen auf die Champs Élysées kamen - da sind Scharfschützen auf den Dächern, alles ist hermetisch abgeriegelt. Das war schon ein komisches Gefühl", so der 29-Jährige.

Natürlich aber darf sich der Fahrer im Team Quick-Step Floors von vermeintlichen Ängsten nicht ablenken lassen. Kittel wie auch Landsmann Tony Martin und die weiteren Fahrer in 22 Teams haben gnadenlose 3.540 Kilometer bei insgesamt 21 Etappen bis in die französische Hauptstadt Paris vor sich. Martin, der Zeitfahr-Weltmeister vom Team Katusha Alpecin, ergänzt: "Es ist nicht so, dass ich mich nicht mehr auf meinen Sport konzentrieren kann. Ich vertraue den Sicherheitskräften. Am Ende muss man darauf hoffen, sonst darf man sich zu Hause nur noch einsperren."


Da in Frankreich auch weiterhin Ausnahmezustand herrscht - er wurde nach den Terroranschlägen von Manchester und London zum fünften Mal bis 1. November verlängert - werden wohl auch während der elend langen Strecke, die unter anderem über fünf Hochgebirgsetappen mit drei Bergankünften (La Planche des Belles Filles, Peyragudes, Izoard) führt, schwer bewaffnete Sicherheitskräfte zu sehen sein. Fröhliche Bilder mit aufsteigenden Gleitschirmfliegern entlang der französischen Küste oder immer wieder herrliche Bilder von Schlössern könnten da etwas in den Hintergrund rücken.


Den übertragenden Sendern, Eurosport, der erneut alle Etappen der Tour live zeigt, sowie der ARD, ist das bewusst. Eine gewohnte Fröhlichkeit des beispielsweise etablierten Kommentatoren-Duos Karsten Migels und Jean-Claude Leclercq, die auch in diesem Jahr bei Eurosport wieder im Einsatz sind, sollte zunächst unter einer auch nur vermeintlichen Bedrohung nicht leiden.


Bei der ARD hingegen stehen gerade die Radsportübertragungen der Tour de France unter einem besonderen Druck. Nach den vielen Doping-Skandalen der jüngeren Vergangenheit war der öffentlich-rechtliche Sender erst 2015 wieder sanft in die Tour eingestiegen - das ZDF spart den Radsport nach wie vor aus. Dennoch wollten die Quoten nicht den erhofften Erfolg einfahren. "Die Einschaltquoten der Übertragungen im Ersten haben sich 2016 bei rund 1,1 Millionen Zuschauer und zehn Prozent Marktanteil stabilisiert - das ist schon einmal sehr ordentlich und entspricht dem Erfolg des Vorjahres", bilanzierte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky etwa nach der vergangenen Tour. Richtig zufrieden konnte er kaum sein. "Natürlich hätten wir uns gefreut, wenn das Zuschauerinteresse im zweiten Jahr wieder angewachsen wäre", so Balkausky.


Nach der Tour im vergangenen Jahr war sogar von einem Aus- aus dem Wiedereinstieg bei der ARD die Rede. 2015 war das Erste nach einer mehrjährigen Pause wegen der Doping-Problematik im Radsport als zweiter Live-Sender neben Eurosport zur Tour zurückgekehrt. Die Etappen-Übertragungen erreichten allerdings nur eine durchschnittliche Reichweite von 1,17 Millionen Radsportfans. Ähnliche Werte wurden auch 2016 eingefahren. Dennoch sah man von einem Ausstieg ab. "Die Tour de France ist nicht nur das größte sportliche Ereignis in Frankreich, sondern fasziniert viele Menschen in ganz Europa", meinte etwa ARD-Sportrechte-Intendant Ulrich Wilhelm und verwies dabei auch auf den diesjährigen Tour-Start in Deutschland. Die tägliche Live-Berichterstattung bei der ARD der einzelnen Etappen wird Montag bis Freitag, "in der Regel" zwischen 16.05 Uhr und 17.25 Uhr, stattfinden. An den Wochenenden im Ersten "etwas umfangreicher", wie Wilhelm ankündigte.


Bei Eurosport hingegen - anders als bei der ARD - stiegen die Zuschauerzahlen weiter an. Mehr als 400.000 Radsportfans verfolgen die Etappen im vergangenen Jahr, auch wenn diese manchmal ebenso flach wie langweilig waren. Der Sportsender konnte seinen Durschnitt von 350.000 Zuschauern im Jahr 2015 noch einmal steigern. Wie auch in den Jahren zuvor liefert Eurosport das volle Tour-Programm. Mehr als 350 Stunden werden übertragen. Der Spartensender zeigt in der Regel Live-Bilder von allen Etappen jeweils ab mittags. Einzelne Rennen laufen bis zu sieben Stunden lang über die Bildschirme. Als etablierter Tour-Experte bleibt weiterhin Rad-Legende Greg LeMond am Start.


Und wie geht es weiter? Die wohl alles entscheidende Frage ist, ob der Radsport endlich verlässliche Selbstreinigungsmechanismen findet, das leidige Thema Doping zu überwinden. Das Potenzial, um die Tour wieder in die Spur eines Ereignisses von massenbewegender Bedeutung zurückkehren zu lassen, ist zweifellos vorhanden. Aber für kollektive Gänsehautmomente sorgt bis auf Weiteres wohl nur die Erinnerung an glorreiche Tage. "Quäl dich, du Sau!"- Der Spruch hat jetzt ein kleines Jubiläum: Es war vor 20 Jahren, am 24. Juli 1997, als der spätere und seither letzte deutsche Toursieger Jan Ullrich auf der 18. Etappe in den Vogesen leicht erkältet schwächelte und er von Edelhelfer Udo Bölts mit jener legendären Motivationsspritze über die Leistungsgrenze hinaus und über die letzten steilen Berge der Rundfahrt hinweggetrieben wurde. Der direkt in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommene Befehl ziert heute T-Shirts und Kaffeetassen, Bölts hat sogar seine Autobiografie unter dem Titel "Quäl dich, du Sau" veröffentlicht. Alles schön und gut, aber, ganz ehrlich: Es wird Zeit für neue Bonmots und die nächsten ganz großen Momente einer großartigen Sportart. In der Pflicht stehen, abseits von spekulativen Debatten über mögliche Terrorgefahren, nun vor allem die Fahrer selbst.


Andreas Schöttl
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