Das reüssierende Ei

American Football boomt im deutschen TV: In der Nacht zum Freitag, 8. September, ist bei ProSieben MAXX Season-Kick-Off

Im deutschen TV hat - abseits von Olympia - kaum eine Sportart außer Fußball eine Chance. Weil Live-Übertragungen selbst unbedeutendster Kicks immer noch gute Quoten holen, gehen die Sender auf Nummer sicher und zeigen am liebsten jene 22 Spieler, die versuchen, den Ball im Tor unterzubringen. Ausnahme: ProSieben mit seinem männlich gedachten Spartensender MAXX. Dort befindet sich seit 2015 die Heimat von American Football beziehungsweise der US-Vorzeige-Liga NFL. Konsequenz steigernder Quoten: Die Berichterstattung wird zur neuen Saison deutlich ausgebaut. Der Season Kick-Off zwischen Titelverteidiger New England Patriots und Kansas City Chiefs füllt ab 2.10 Uhr die Nacht zum Freitag, 08. September.

Die Pressekonferenz zum Start der neuen Football-Saison auf ProSieben MAXX war keine der üblichen Art. Im Hamburger Schanzenviertel, wenige Meter von Tim Mälzers Restaurant "Bullerei" entfernt, hatte ProSieben eine halbe Craft Beer Brauerei gemietet und viele Fans der Sportart eingeladen. Die kamen zum Frage-Antwort-Spiel mit deutschen TV-Helden ihres Sports wie Patrick Esume oder Christoph "Icke" Dommisch aus Bayern und anderen entfernten Winkeln der Republik angereist, nur um eine Art Community-Treff zu erleben. Die Zahl der am Körper zur Schau gestellten Football-Trikots war groß, die Atmosphäre bei Burgern und Bier freudig entspannt.

Über einen bärenstarken Schnitt von 2,6 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern freute sich der verantwortliche "ran"-Sportschef Alexander Rösner - so etwas wie "der Seriöse" auf einer Bühne völlig Football-Verrückter: Das sind Quoten, die deutlich über dem Schnitt von ProSieben MAXX liegen (1,1 Prozent im Jahr 2016). Kein Wunder also, dass der Sender seine Berichterstattung zur neuen Saison deutlich ausbaut. Ab Dienstag, 12. September, zeigt man zudem das neue Football-Magazin "ran Footbal - Coach's Corner" mit Esume und "Icke" Dommisch. Aufgabe der beiden Football-Nerds: eine 90-minütige Diskussion der Wochen-Highlights unter Berücksichtigung der Sonntags- und Montagsspiele.


Darüber hinaus gibt es bei ProSieben MAXX auch mehr Live-Football zu sehen. Neben dem 19.00 Uhr-Spiel am Sonntagabend (am 10. September: Tampa Bay gegen Miami Dolphins) wird die parallel stattfindende Partie (Baltimore Ravens gegen Cincinnati Bengals) im Livestream auf ran.de gezeigt. Dass die deutschen Zuschauer am frühen Sonntagabend zwischen zwei Live-Partien wählen können, ist neu. Am späteren Abend, ab 22.25 Uhr, steht eine weitere Übertragung auf dem Programm. Am ersten Spieltag (10.09.) ist es das Duell zwischen Seattle Seahawks und Green Bay Packers.


Auch für das zweite Liga-Wochenende stehen die Übertragungen bereits fest: Am Sonntag, 17.09., zeigt MAXX um 19.00 Uhr New England Patriots gegen New Orleans Saints, während sich ran.de zeitgleich um Minnesota Vikings gegen Pittsburgh Stealers kümmert. Wie die Football-Experten auf der Hamburger Bühne versicherten, bleibt ihnen jedoch eine Option zum Umschalten - falls sich die im TV übertragene Partie als Langweiler präsentiert. Dann könnte man auch den Internet-Stream als TV-Signal aufschalten beziehungsweise umgekehrt.


Dass American Football überhaupt im Free TV stattfindet, war für die Verhandlungspartner der ProSiebenSat.1-Gruppe auf der anderen Seite des großen Teichs durchaus ungewöhnlich. In den USA ist man es gewohnt, dass Football ähnlich wie in Europa die nationalen Fußball-Top-Ligen oder die UEFA Champions League ein horrend teures Premium-Produkt darstellt, für das die Fans tief in die Tasche greifen. Weil American Football im deutschen TV-Markt jedoch ein Produkt ist, für das man neue Zuschauer und Fans gewinnen muss, macht es natürlich mehr Sinn, dies im Free TV zu probieren - was auch den Übersee-Vermarktern der NFL einleuchtete. ProSieben-Manager Rösner freute sich daher sichtlich über eine Verlängerung des Vertrages zwischen der NFL und seiner Sendergruppe "über mehrere Jahre".


Dass man die "Regular Season" der NFL im deutschen Free TV begutachten kann, ist überhaupt erst seit 2015 und dem Einstieg von ProSieben der Fall. Zuvor war American Football abseits der Super Bowl-Übertragungen lediglich über wenig genutzte Bezahlmodelle wie Gamepass, Sport1 US oder DAZN möglich. Jedoch zeigen auch die Zahlen des Super Bowls der letzten Jahre, dass NFL-Football eine Wachstumssportart im deutschen TV ist: 1999 begann SAT.1 mit der nächtlichen Übertragung eines der größten Sportereignisse der Welt. Damals schauten gerade einmal 580.000 Zuschauer zu. Dieser Wert steigerte sich zuletzt deutlich: 2014 waren es 1,35 Millionen Zuschauer, zum ersten Mal lag man über einer Million. Es folgten: 1,36 (2015), 1,81 (2016) und 1,37 (2017) Millionen Zuschauer zum Januar-Termins des Super Bowls.


Wobei der Rückgang 2017 lediglich der Tatsache geschuldet war, dass das Match früh entschieden schien. Wer jedoch ausschaltete - was auch in den USA massenhaft geschah - verpasste das größte Comeback einer Mannschaft in der Geschichte des Wettbewerbs. Die New England Patriots um Superstar Tom Brady, die bereits mit 3 zu 28 zurücklagen, fingen die Atlanta Falcons noch mit 34 zu 28 ab. Bleibt die Frage, wieviel die sehr Fan-orientierte und emotionsgeladene ProSieben MAXX Berichterstattung mit dem Trend zu tun hat. Wer der Football-Berichterstattung des Senders zuschaut, erkennt, dass die Komplexität des Spiels ebenso ernst genommen wird wie der Spaß und die Emotionalität, die Moderatoren, Kommentatoren und Experten in diesem eigenen Kosmos leben. "Natürlich ist der Sport selbst am wichtigsten", sagte Alexander Rösner in Hamburg, "dennoch sind es auch die Jungs, die hier sitzen, die das ganze nach vorne gebracht haben. Es ist ihre Mischung aus Hard Facts, die Interaktivität über Social Media und persönlicher Begeisterung, die uns gerade bei der jungen Zielgruppe nach vorne bringt."


In der Tat sorgen Nerds wie der blonde, langhaarige Internet-Freak Icke Dommisch oder der Football-verrückte Hamburger "Coach" Patrick Esume für persönliche deutsche Anbindungen an die NFL-Berichterstattungen. Doch auch die übrigen Gesichter und Stimmen des aktuellen Teams sind von Bedeutung: Uwe Morawe, Jan Stecker, Volker Schenk oder Roman Motzkus. Allesamt erwachsene Männer, die eine Stimmung wie beim Kindergeburtstag verbreiten, sobald es ums Eintauchen ins Metier Football geht. So scheint der uramerikanische Sport im deutschen TV doch noch zu einer Erfolgsgeschichte zu werden. Auch weil ProSieben MAXX es schafft, Football-Nerds und eine wachsende Zahl vor allem junger Neueinsteiger an ihr Produkt zu binden.


Bei den letzten beiden Super Bowls lag der Marktanteil in der jungen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen bei 43,5 (2016) beziehungsweise 36,6 Prozent (2017). Das war deutlich mehr als beim "alten" Gesamtpublikum, von dem sich "nur" 29,2 (2016) und 24,0 (2017). Prozent interessierten. American Football darf man getrost als jungen Wachstumsmarkt im deutschen TV bezeichnen.


Eric Leimann
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