Ein Ritual der Demokratie: So läuft der Wahlabend im TV

Wie am 24. September ARD, ZDF und die Privatsender die Zuschauer auf Stand halten

Wahlen sind in Deutschland etwas sehr Verlässliches - jedenfalls als TV-Ereignis. Der Wahlabend ist im Fernsehen exakt choreografiert, und sowieso wird jede große Wahl erst dann amtlich, wenn ein öffentlich wohlbekannter TV-Mann vor die Kameras tritt: Auch wenn am Sonntag, 24. September, pünktlich um 18 Uhr die Wahllokale geschlossen haben, rückt stante pede WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn ins Rampenlicht und verliest die ersten Hochrechnungen. Ab dann wird es ernst.

Sofern das Ergebnis der ersten Hochrechnung nicht allzu knapp ist, sollte der Sieger bereits zu diesem frühen Zeitpunkt feststehen. Denn anders als etwa in den USA wird der Marktforschung hierzulande gemeinhin vertraut - obwohl die Institute auch schon krass daneben lagen. Deutschland ist kein Land, das sich auf verschiedene Zeitzonen verteilt und in dem komplizierte Rechenoperationen wie etwa mit den US-"Wahlmänner"-Stimmen vonnöten sind, um relativ schnell klare Sieger und Verlierer benennen zu können.

Es ist also eine Aufgabe von staatstragendem Ausmaß, die da wieder einmal auf Jörg Schönenborn zukommt. In der bereits um 17.15 Uhr startenden ARD-Sondersendung "Wahl 2017 - Bundestagswahl 2017", die von Tina Hassel und Caren Miosga moderiert wird, kommentiert er die ersten Balken- und Tortengrafiken. Live aus dem ARD-Hauptstadtstudio versucht sich das Erste nicht nur an Stimmungsbildern, Hintergründen, und ersten Analysen etwa zu überzeugenden Wahlversprechen und "Wander-Stimmen", man führt auch bereits Gespräche mit Spitzenpolitikern und Wahlexperten vor Ort. Die ARD-Sendung schaltet auch gleich für erste O-Töne zu den Wahlpartys der Parteien in der Hauptstadt.


Die Rolle der Zahlengurus haben im ZDF Hauptstadtstudioleiterin Bettina Schausten und Politikchef Matthias Fornoff inne. Sie präsentieren in der ZDF-Sondersendung "Bundestagswahl 2017", die dort bereits um 17.10 Uhr beginnt, gemeinsam mit der Forschungsgruppe Wahlen am laufenden Band die neuesten Zahlen. Außerdem bekommen die Zuschauer natürlich auch im ZDF kundige Wahlexperten, Politiker und erste Schalten zu den Partei-Veranstaltungen gezeigt.


Nach den "heute"-Nachrichten im ZDF, die an diesem geschichtsträchtigen Sonntag von 19.25 Uhr bis 20.15 Uhr laufen werden, kommt im Zweiten die Zeit für Analysen. Gesprächspartner ist dabei unter anderem der Parteienforscher Professor Karl-Rudolf Korte. Im Anschluss begrüßt ZDF-Chefredakteur Peter Frey Vertreter der im Bundestag vertretenen Parteien zu einem ersten Schlagabtausch in der sogenannten "Berliner Runde". Ab diesem Zeitpunkt, also auch nach der abendlichen ARD-"Tagesschau", die zur gewohnten Zeit im Ersten gesendet wird und um 20.15 Uhr endet, gleichen sich die TV-Bilder in den großen öffentlich-rechtlichen Sendern an: Dann nämlich moderieren Rainald Becker (ARD) und Peter Frey (ZDF) das "Berliner Runde"-Gespräch gemeinsam. Sie befragen die Spitzenkandidaten im ARD-Hauptstadtstudio.


Und dann kommt auch schon die Zeit der Analysen und Rückblenden - wenn es kein hauchdünnes Kopf-an-Kopf-Rennen gibt. Im Ersten zieht Caren Miosga ab 21.15 Uhr in einem "Tagesthemen extra" Schlüsse aus dem Wahlabend und dessen Ergebnissen. Im ZDF lassen ebenfalls ab 21.15 Uhr Bettina Schausten und Matthias Fornoff die Zahlen Revue passieren. Sie beleuchten mit weiteren Gesprächsgästen alle Aspekte - auch schon mögliche Koalitionsaussagen, die sich aus der Bundestagswahl 2017 ergeben.


Eine Kuriosität im ARD-Programm zu den Wahlen ist der Sonderfall "Lindenstraße", die üblicherweise am Sonntagabend gezeigt wird. Weil man die Flächen für die vielen Live-Berichte braucht, wandert die Kultserie auf den digitalen Spartensender ONE, wo um 19.45 die neue Folge "Alte Liebe" zu sehen ist. Dort hat der für die Produktion zuständige WDR vorgearbeitet: Gedreht wurden verschiedene Fassungen der "Lindenstraße", damit man auch in der Fiktionalität auf die zu erwartenden Ergebnisse der Bundestagswahl eingehen kann. Die am besten passende Variante der Folge wird dann ad hoc für die Ausstrahlung ausgewählt.


Der von ARD und ZDF getragene Nachrichten- und Politik-Kanal Phoenix beginnt seine Wahl-Berichterstattung um 16.00 Uhr, übernimmt dann ab 20.15 Uhr die "Berliner Runde". Vertieft werden hier die Beobachtungen ab 21.15 Uhr mit der Sondersendung "Wahl 2017 - Die Journalistenrunde". Schon am Nachmittag ist das Programm mit Dokumentationen wie "Bewegte Republik Deutschland: Die Deutschland-Maschine" um 15.15 Uhr auf den Anlass des Tages eingestimmt.


Selbst wenn Kritiker des öffentlich-rechtlichen Systems das ab und an gerne als schweres Geschütz anführen: Natürlich gibt es in Deutschland keinen Staatsrundfunk. Deswegen lohnt auch der Blick zu den Privaten - allen voran zu RTL. Dort informieren Chefredakteur und Nachrichten-Anchorman Peter Kloeppel (RTL) und seine Kollegin Isabelle Körner vom Tochter-News-Sender n-tv ab 17.45 Uhr in der Sendung "Meine Wahl - Ihre Entscheidung". In das RTL-Programm wird um 18.45 Uhr eine lange monothematische Ausgabe der Haupt-Abendnachrichten mit allen dann schon feststehenden Ergebnissen der Wahl eingebettet. Danach verabschiedet sich allerdings zumindest RTL zunächst von der Aktualität der Bundestagswahlen: Um 19.15 Uhr folgt die Show "Comeback oder weg?", ab 20.15 Uhr läuft "Ninja Warrior Germany".


Der Sender n-tv strahlt schon ab 17.15 Uhr das gemeinschaftliche Nachrichten-Wahlprogramm "Meine Wahl - Ihre Entscheidung" aus. Vorher laufen ab etwa 15.30 Uhr mit "Fokus Deutschland - Marode Infrastruktur" oder um 16.05 Uhr mit "Fokus Deutschland - Prekäre Republik" einschlägige Dokumentationen. Allerdings verabschiedet man sich auch bei n-tv zur besten Sendezeit aus der unmittelbaren Chronistenpflicht: Um 20.15 läuft die Doku "Flugzeugkatastrophen - Hubschrauber in Not". Wie unpassend!


Der konkurrierende private Nachrichtensender N24, der mittlerweile zu Springers "Welt" gehört, verfährt da etwas konsequenter: Hier berichtet man am Wahlsonntag bereits ab 15.00 Uhr durchgehend live. Chefmoderatorin Tatjana Ohm hat sich hierfür in das Studio am Potsdamer Platz den streitbaren Moderator und CDU-Politiker Michel Friedman eingeladen, mit dem sie die Hochrechnungen und Ergebnisse analysieren wird. Zustätzlich sind Reporter vom Dach des Reichstags, aus den Parteizentralen und dem "Welt"-Newsroom zugeschaltet. Auch am Folgetag, am Montag, 25. September, berichtet N24 von 6.00 Uhr bis 18.00 Uhr durchgehend live über die Wahlen und versucht sich an einer stets aktualisierten Einordnung der Ergebnisse.


Deutlich zurückhaltender geht die Privatsenderfamilie ProSiebenSat.1 den großen Bundestags-Wahlabend an: Bei ProSieben bleibt man im gewohnten Programmschema mit Unterhaltungsprogramm. Lediglich SAT.1 schiebt um 19.45 Uhr eine mit einer halben Stunde Sendezeit überlange Ausgabe der "SAT.1 Nachrichten" ein. Das muss offenbar genügen.


Rupert Sommer
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