Harald Schmidt wird nicht vermisst

Warum der neue Schwarzwald-"Tatort" ein Volltreffer ist

Der SWR scheint mit dem "Tatort"-Umzug vom Bodensee in den Schwarzwald alles richtig gemacht zu haben. Die Kommissare Tobler (Eva Löbau) und Berg (Hans-Jochen Wagner) hielten sich mit privaten Details bei ihrem Auftakt angenehm zurück. Alle Konzentration lag voll auf dem Fall: einem leisen, aber intensiven Drama über drei befreundete Familien, die das Aussteiger-Idyll in der Natur suchten. Der "Tatort: Goldbach" war einer der besten des Jahres 2017.

Was war los?

Die elfjährige Tochter von Jens (Godehard Giese) und Barbara Reutter (Victoria Mayer) lag mit einer Schussverletzung tot im Wald. Linus, der Sohn einer zweiten Familie, war spurlos verschwunden. Nur das dritte Kind, das mit den anderen beiden zum Spielen aufgebrochen war, kehrte zurück, als wäre nichts gewesen. Die neuen Schwarzwald-Kommissare Berg (Hans-Jochen Wagner) und Tobler (Eva Löbau) mussten herausfinden, was den Kindern widerfahren war. Und was ein Erdlager fabrikneuer Waffen mit der Tat zu tun hatte.


Ergab die Story Sinn?


Das Drehbuch Bernd Langes, der auch für die herausragende ARD-Miniserie "Das Verschwinden" (Start am Sonntag, 22.Oktober, 21.45 Uhr) verantwortlich ist, brachte wunderbar subtil zwei Themen zusammen. Einerseits den gescheiterten Aussteigertraum akademischer Städter, die ihre Kinder friedlich auf dem Land aufwachsen sehen wollten. Andererseits stellte der Plot Reichtum und Selbstzufriedenheit einer Region bloß, deren Wohlstand nicht nur auf der Automobilbranche, sondern auch auf der Waffenindustrie aufbaut.


Wie waren die Kommissare in Form?


Das neue Ermittler-Team agierte, als sei es schon immer da gewesen. So konnte in "Goldbach" ein starkes Drama erzählt werden, das nicht zu viele Filmminuten auf private Nebengeräusche verwendete. Der neue SWR-"Tatort", so wollen es Redakteure und Hauptdarsteller, soll eine präzise Polizeifilm-Reihe werden, die sich von wahren Fällen aus der Region inspirieren lässt - und deren Schauspieler sich im Übrigen von echten Kripo-Beamten intensiver als andere beraten lassen.


Wo war Harald Schmidt?


Über den neuen Schwarzwald-"Tatort" wurde auch deshalb zwei Jahre lang geredet, weil ein gewisser Harald Schmidt - einst scharfzüngiger Entertainer der Nation - den Vorgesetzten der Kommissare spielen sollte. Viele dachten deshalb wohl, im Südwesten des Landes entstehe eine weitere humoristische "Tatort"-Ermittlerzelle. Weit gefehlt! Schmidt sagte sein Mitwirken kurz vor Drehbeginn aus "persönlichen Gründen" ab. Doch auch mit ihm wäre der Schwarzwald-"Tatort" kein komödiantischer geworden. Nun spielt die renommierte Berliner Theatermimin Steffi Kühnert "seine" Rolle. Der wankelmütige Entertainer wird nicht vermisst.


Wer war der Star dieses "Tatorts"?


Godehard Giese, geboren 1972, hatte lange Zeit ein Problem. Zwar ist er ein herausragender Schauspieler, aber er sieht aus wie der Sparkassen-Berater von nebenan. Erst seit Kurzem hat es den Anschein, als würden Filmemacher verstärkt auf das Jedermann-Gesicht Gieses setzen. Beim starken Adoptionsdrama "Wunschkinder" (2016) spielte er - ebenso wie in diesem "Tatort" an der Seite von Victoria Mayer - einen Vater (in spe). Auch in "Das Verschwinden", der fantastischen, viermal 90 Minuten langen Serie von Hans-Christian Schmidt und Bernd Lange, ist er mit dabei. Im "Tatort: Goldbach" brillierte Giese als Vater, der sich und seine Umgebung mit leiser Trauer und großer Wut über den Tod seiner Tochter zermartert. Eine preisverdächtige Leistung!


Auf welche Waffenfirma wurde angespielt?


"Mir könnet alles außer Hochdeutsch", sagt ein Polizist auf die Frage der Kommissare, von welchem Hersteller die fabrikneuen Waffen aus dem Erdlager im Schwarzwald stammen. Dabei deutet er auf eine Landkarte. Der Finger dürfte auf Oberndorf, eine Kleinstadt zwischen Schwarzwald und der Baar-Hochebene zeigen, ein wichtiges Zentrum der deutschen Waffenindustrie. Hier sitzen die traditionsreichen Firmen Heckler & Koch sowie Mauser, beide bekannt für Schusswaffen "made in Baden-Württemberg". Auch der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete ARD-Film "Meister des Todes" (2015) von Daniel Harrich erzählte aus diesem Umfeld.


Haben tatsächlich immer mehr Deutsche Waffenscheine?


Tatsächlich besitzen mehr Deutsche als früher den sogenannten kleinen Waffenschein, wie er für Schreckschusspistolen, Pfefferspray und Reizgas benötigt wird. 2016 wurden bundesweit fast 184.000 "kleine Waffenscheine" neu beantragt. Damit stieg die Gesamtzahl der in Deutschland registrierten "kleinen Waffenscheine" im Vergleich zum Vorjahr um gut 60 Prozent auf 469.741. Die gestiegene Angst vor Terror und Kriminalität mag für diese Entwicklung den Ausschlag gegeben haben. Mehr Schusswaffen sollen sich die Deutschen jedoch nicht zugelegt haben. Die Zahl der Anmeldungen für derlei Gerät war im ersten Halbjahr 2016 gegenüber dem Vorjahr sogar leicht gesunken. Dennoch betrachtet die Polizeigewerkschaft die zunehmende Bewaffnung der Deutschen mit Sorge.


Wie gut war der erste "Tatort" aus dem Schwarzwald?


Herausragend gut. An diesem unaufgeregt, aber sehr stringent erzählten Krimidrama sah man mal wieder, was ein starkes Drehbuch und eine präzise Regie bewirken können. Regisseur Robert Thalheim ("Netto", "Eltern", "Botschafter des Friedens") ist einer der Hauptverantwortlichen für diesen Coup. Dass der hochgelobte Berliner Filmemacher bislang nur einen Krimi in seinem Leben drehte - den Brandenburger "Polizeiruf: Käfer und Prinzessin" (2014) - war für dieses Psychodrama über eine Gruppe von Idealisten mit Sicherheit kein Nachteil.


Wir vergeben eine glatte Eins!


Eric Leimann
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