Von Menschen und Zombies: Was Gewalt in Serien mit uns zu tun hat

Die wissenschaftliche Seite der Apokalypse: RTL II zeigt die siebte Staffel von "The Walking Dead" als Free-TV-Premiere (ab Freitag, 13. Oktober, 23 Uhr, in Doppelfolgen)

Nur mal vorgestellt, die Welt würde wie bei "The Walking Dead" tatsächlich von Zombie-Horden überrannt, und die Überlebenden müssten wie in der Serie ständig ungeheuerliche Grausamkeiten erleben. Wie würden wir uns in einem Leben nach der Apokalypse wohl wirklich verhalten? Könnten die Menschen Vergleichbares wirklich ertragen? - Die Münchner Sozialpsychologin Prof. Dr. Michaela Pfundmair, nach eigener Auskunft mit "The Walking Dead" bestens vertraut, bejaht dies. Und sie meint, ganz normale Menschen würden unter gewissen Gruppendrucksituationen zwangsläufig auch gewalttätige Rollenbilder entwickeln. Pfundmair erklärt im Interview vor dem Start der siebten Staffel (ab Freitag, 13. Oktober, 23 Uhr, RTL II): "Wenn wir einmal anfangen, etwas Krasseres zu machen, nur ein bisschen die Grenzen überschreiten, dann beeinflusst das unser eigenes Selbstbild. Wer immer mehr Gewalt erlebt hat, reagiert desensibilisiert."

teleschau: Frau Pfundmair, Sie sind Sozialpsychologin an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Womit genau beschäftigen Sie sich?

Prof. Dr. Michaela Pfundmair: Wie die Psychologie beschäftigt sich auch die Sozialpsychologie mit dem Erleben und Verhalten von Menschen. Sie erforscht jedoch nicht das Individuum, sondern das Verhalten der Menschen in Gruppen. Eines der ersten Experimente der Sozialpsychologie wollte herausfinden, warum Menschen überhaupt so weit gehen konnten wie beim Holocaust. Forscher wollten wissen: Wie konnten viele nur so gehorsam sein?


teleschau: Bei "The Walking Dead" müssen die verbliebenen Menschen unglaubliche Grausamkeiten aushalten. Viele werden immer härter und entwickeln selbst einen Hang zur Brutalität. Halten Sie so etwas für realistisch - also einfach mal angenommen, Zombies würden tatsächlich die Erde überrennen?


Pfundmair: Ja. Unter anderem das Milgram-Experiment, bei dem ein "Lehrer" - die eigentliche Versuchsperson - einem "Schüler" - ein Schauspieler - bei Fehlern vermeintlich einen Stromschlag versetzte, sollte herausfinden, wie ganz normale Menschen bestimmten Gruppendruck-Situationen gewachsen sind. Das Ergebnis war: Ja, die Menschen verabreichen Stromschläge in solchen Situationen, sogar bis zum Tod. Wenn wir einmal anfangen, etwas Krasseres zu machen, nur ein bisschen die Grenzen überschreiten, dann beeinflusst das unser eigenes Selbstbild. Wer immer mehr Gewalt erlebt hat, reagiert desensibilisiert. Das merkt man auch in Gehirnregionen. Sie sind bei häufiger Konfrontation mit solchen Themen gegen vermeintliche Grausamkeiten abgeschwächt.


teleschau: Was heißt das für den Konsumenten eines solchen Formats? Kann die Gewaltdarstellung in der Serie dann nicht auch gefährlich werden?


Pfundmair: Auf diesem Gebiet gibt es viel Forschung. Und, ja, es gibt Meinungen, die behaupten, je mehr Gewalt man im Fernsehen sieht, desto mehr ist man abgehärtet, also desensibilisiert. Aber ob Fernsehen nun wirklich zu mehr Gewalt führt, das hängt auch davon ab, wie sie dargestellt wird. Wenn es Helden sind, die Gewalt anwenden, wird diese vielleicht eher übernommen. Sieht man hingegen auch die Opfer leiden, entwickelt sich eine gewisse Distanz. Letztendlich gibt es also keinen direkten Pfad, dass Gewalt etwa im Fernsehen zu mehr Aggression oder Gewaltbereitschaft führen würde.


teleschau: Ganz konkret gefragt: Wenn ich mir vier Stunden "The Walking Dead" am Stück anschaue, was macht das mit mir?


Pfundmair: Auf einer theoretischen Basis bin ich überzeugt davon, dass man als Zuschauer tatsächlich abhärtet. Je mehr Gewalt man sieht, desto weniger schlimm wird sie. "The Walking Dead" ist ein gutes Beispiel: In den ersten Staffeln waren viele noch geschockt darüber, als die erste Leiche im Gras lag. Inzwischen nimmt man es eher gelassen hin, das man anfangs noch als extrem empfunden hat. Ohnehin aber hat sich die Serie geändert. Um die Zombies geht es doch schon nicht mehr. Sondern mehr um die Menschen und ihr Verhalten in der Gruppe. Das machte "The Walking Dead" für mich als Sozialpsychologin umso interessanter.


teleschau: Wie nah ist diese Gruppenentwicklung bei "The Walking Dead" aus sozialpsychologischer Sicht an einer reellen Möglichkeit?


Pfundmair: Bei einigen Details denke ich mir schon, sie sind etwas übertrieben. Die Serie zeigt aber auch, wie Konformität funktioniert. Das heißt, Menschen passen sich in ihrem Denken und Handeln der Gruppe an, obwohl sie vielleicht selbst nicht der Meinung sind. Es gibt zwei Arten von Konformität: Entweder man passt sich an, weil man wissen will, was richtig ist und glaubt, die Gruppe wird es schon wissen. Das passiert meistens in Krisensituationen. Das bedeutet: Man hört nicht mehr auf sich selbst, sondern auf das, was die Gruppe macht. Oder Menschen machen zweitens Dinge, weil sie dazu gehören wollen. Auch das sieht man in der Serie öfter. Obwohl die Menschen nicht von den Entscheidungen der Gruppe überzeugt sind, machen sie mit, weil sie nicht ausgeschlossen werden wollen.


teleschau: Macht dieses Verhalten die Menschen nicht immer auch anfällig für einen möglichen Anführer, der ihre Schwächen dann auch ausnutzen könnte?


Pfundmair: Es braucht gar nicht unbedingt einen Anführer. Es reicht allein schon eine Gruppe, die einem wichtig ist. Wenn diese zu einer möglichen Gewalt neigt, wird der einzelne Mensch dieser folgen.


teleschau: Das bedeutet doch, dass jeder Mensch potenziell zur Gewalt neigt, wenn er beispielsweise in eine Extremsituation gerät, oder?


Pfundmair: Ja, besonders wenn man unter extremen Druck steht. Ein Beispiel aus dem Vietnamkrieg belegt das. Beim Massaker von My Lai hieß es für die US-Soldaten zunächst, in dem Dorf sei der vietnamesische Feind. Tatsächlich waren dort nur Frauen und Kinder. Dennoch haben die Soldaten so gut wie alle umgebracht. Wenigstens einer unter einer marodieren Soldateska konnte das nicht mit sich vereinbaren. Er war aber unter so einem starken Druck der Gruppe, dass er nicht einfach sagen konnte, ich mache das nicht. Seine Lösung: Er hat sich lieber selbst in den Fuß geschossen, nur um aus diesem Gruppendruck zu entfliehen. Es war die einzige Möglichkeit für ihn, nicht mitmachen zu müssen.


teleschau: Heißt das nicht auch, dass jeder beispielsweise in einem Krieg seine Menschlichkeit verliert?


Pfundmair: Viele versuchen, sich Werte zu bewahren. Ich will auch nicht pauschal sagen, alle werden extrem. Aber wenn es die Situation in einer gewaltbereiten Gruppe so vorgibt, ist die Gefahr sehr groß, dass man selber so wird. Es gibt sicherlich Ausnahmen. Aber tatsächlich sind die Menschen so angelegt. Denn ohne andere können wir nicht funktionieren. Auch das ist in der Serie gut zu sehen: Alleine kann keine der Figuren überleben. Und da wir Menschen eben Gruppentiere sind, sind wir immer auch möglichen Drucksituationen innerhalb einer Gemeinschaft ausgesetzt.


teleschau: Das alles klingt jetzt schon ein bisschen nach Weltuntergang.


Pfundmair: Das muss es aber nicht. Ganz im Gegenteil! Die Menschen haben doch vor allem Verhaltensweisen evolutionär entwickelt, die nützlich für sie waren. Dass sie in Krisensituationen auch konform gehen und zusammenhalten, ist dann wiederum auch ganz gut. Denken Sie nur an den gewaltlosen Protest nach Ghandis Prinzipien. Schließlich weiß die Gruppe oftmals Dinge auch besser als nur die Einzelperson.


Andreas Schöttl
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