Goebbels' letztes Aufgebot

Ein "verbotener" Film als TV-Event: ARTE zeigt "Kolberg", den teuersten Streifen der Nazizeit

Als hätte der Krieg Deutschland nicht schon längst erreicht, holte ihn Joseph Goebbels 1944 ins Herzen des deutschen Reiches und auf die Kinoleinwände. In Berlin sollte Veit Harlan, einer der Lieblingsregisseure des Propagandaministers, einen Film drehen, wie es ihn noch nie zuvor gegeben hatte. "Kolberg", produziert im noch neuen Agfacolor-Verfahren, wurde der teuerste Film, der in Nazideutschland jemals entstand. Dazu ließen Goebbels und sein Regisseur eine gigantische Schlacht nachstellen, mit Tausenden Komparsen, angeblich 3.000 Pferden und 10.000 Kostümen. Zwischen acht und neun Millionen Mark verschlang das Werk - nur sehen wollte es keiner. Am Montag, 4. Dezember, 23.35 Uhr, zeigt nun ARTE "Kolberg" im Spätprogramm.

Dass der Film bei dem Kultursender überhaupt zu sehen ist, erstaunt. Schließlich ist "Kolberg" ein sogenannter Vorbehaltsfilm, der nicht einfach im Fernsehen oder im Kino aufgeführt werden darf. Rund 40 Werke aus der Nazizeit stehen auf dieser Liste von Filmen, die die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung erstellt hat. Nur wenn die Stiftung zustimmt, dürfen die Filme öffentlich gezeigt werden. Unter einer Bedingung allerdings: Sie müssen von einer Einführung begleitet werden, die die Filme historisch einordnet. ARTE kommt dieser Verpflichtung nach, indem der Sender vor "Kolberg" die Kurzdoku "Propaganda in Agfacolor" zeigt (23.25 Uhr) und bereits um 22.30 Uhr die sehenswerte Dokumentation "Verbotene Filme".

Anders als etwa "Jud Süß", auch ein Vorbehaltsfilm und auch von Regisseur Harlan, ist "Kolberg" kein rassistisches Pamphlet. Mit dem Mammutprojekt verfolgte Goebbels ein anderes Ziel: "Kolberg" sollte die Menschen zum Durchhalten aufrufen. "Das Volk wird die Armee sein! Das ganze Volk!" - Sätze wie diese prasseln ununterbrochen auf das Publikum ein. Ganz zum Schluss singt dann ein Chor: "Das Volk steht auf!" Die Botschaft ist klar: In der höchsten Not, in der Goebbels und Hitler ihr Land sahen, muss die Bevölkerung selbst zu den Waffen greifen, um den Feind abzuwehren.


"Kolberg" erzählt einen historischen Stoff. Die westpommersche Stadt Kolberg (heute das polnische Kolobrzeg) wird im Jahr 1807 von französischen Truppen belagert. Napoleon verlangt von den Bürgern die Kapitulation, doch die verweigern sich. Bürgeradjutant Joachim Nettelbeck (Heinrich George, der in vier weiteren Vorbehaltsfilmen spielte) organisiert zusammen mit einem verwundeten Leutnant ("In den Bürgern liegt die Rettung des Vaterlandes!") den Widerstand und siegt über die Franzosen - eine Verdrehung historischer Tatsachen. Nettelbeck opfert dafür seinen Hof, schließlich wird gar ganz Kolberg überflutet, um die Franzosen aufzuhalten. Das Volk, es soll maximale Opfer bringen - und tut das zumindest im Film nur allzu gerne.


In der deutschen Wirklichkeit des Januars 1945, als "Kolberg" in Berlin Premiere feierte, war das jedoch anders. An einen Sieg glaubten nur noch die wenigsten. Und einen Film, der den Krieg feiert, wollte erst recht niemand sehen. Dabei hatten Harlan und Goebbels keine Kosten und Mühen gescheut, um den Kampf um Kolberg möglichst realistisch darzustellen. Eine riesige Kulisse wurde gebaut, nur um sie anschließend in einem Flammenmeer untergehen zu lassen. Trümmer aber gab es 1945 in Deutschland schon genug zu sehen, dazu brauchte man nicht ins Kino zu gehen.


Dabei hatte Goebbels den Film zuvor schon heftig beschnitten. Ursprünglich hatte Veit Harlan die Kampfszenen - am Ende von "Kolberg" steht eine riesige Schlacht - mit großem Realismus gedreht. Den Todeskampf der verwundeten Soldaten aber sollten die deutschen Kinogänger nicht sehen müssen, entschied Goebbels. Im Krieg zu sterben sollte kein wohlinszeniertes Drama sein, sondern eine Selbstverständlichkeit, die nicht weiter beachtet werden muss. Nur ein Tod wird prominent inszeniert: Melodramatisch lässt "Kolberg" den jungen Claus (Kurt Meisel) sterben, ein Schöngeist, der lieber Geige spielt, als zu kämpfen.


Die Idee für "Kolberg" hatte Filmfanatiker Goebbels schon 1943, nachdem die deutschen Truppen die Schlacht um Stalingrad verloren hatten. Offenbar glaubte er wirklich, ein Film könnte helfen, den Krieg noch zu gewinnen. Tatsächlich strömten die Deutschen in der NS-Zeit in Scharen in die Kinos - allein 1943 wurden eine Milliarde Zuschauer gezählt. Als Goebbels' Durchhaltefilm "Kolberg" dann aber in die Kinos kam, gab es kaum noch Lichtspielhäuser, die das Werk zeigen konnten. Die meisten waren längst zerbombt.


Sven Hauberg
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