Große Namen, große Themen, große Serien

Der Streaming-Hype wird auch 2018 Blüten treiben - und das ist auch fürs deutsche Fernsehen gut

Auch ohne "Game of Thrones" (die achte und letzte Staffel ist wohl erst Anfang 2019 zu sehen) steht schon jetzt fest: Das Jahr 2018 wird Serienfans glücklich machen. Allerdings fragt man sich angesichts der Fülle der angekündigten Highlights schon, woher man die Zeit für so viel großartiges Fernsehen nehmen und wie man den Überblick im längst nicht mehr greifbaren Angebot von Pay-TV, Streamingdiensten und linearem Free-TV behalten soll. Doch da es zum Jahresbeginn ja um gute Nachrichten geht: Unterm Strich haben wir alle was vom Serien-Hype. Angestachelt vom Erfolg der internationalen Streaminganbieter, entstehen hierzulande immer mehr hochkarätige Eigenproduktionen.

Was derzeit auf dem TV-Markt los ist, brachte unlängst UFA-CEO Nico Hofmann auf den Punkt, der glaubt, dass man hierzulande die neuen Giganten wie Netflix oder Amazon nicht fürchten muss: "Die öffentlich-rechtlichen Sender, aber auch die großen Privatsender werden von der Konkurrenzsituation belebt, sie werden immer tiefer und risikofreudiger in den Qualitätswettbewerb einsteigen." Deutschlands bedeutendster TV-Produzent, der nicht nur Event-Mehrteiler wie "Unsere Mütter, unsere Väter", sondern auch Top-Serien wie "Charité" verantwortet, weiß: "Wir erleben gerade einen gigantischen Umbruch", aber dieser markiere "nicht den Untergang des Fernsehens, sondern das genaue Gegenteil. Der Zuschauer darf sich freuen, weil Qualität und Quantität erheblich verbessert werden."

Fakt ist: Die Streamingdienste geben Gas - auch auf dem deutschen Markt. Bei Netflix etwa war die im November gestartete erste deutsche Produktion "Dark" ein voller Erfolg, die zweite Staffel kommt wohl noch 2018. Ebenfalls 2018 folgt mit der taffen Krimiserie "Dogs of Berlin" (unter anderem mit Fahri Yardim, Katharina Schüttler) die zweite deutsche Netflix-Eigenproduktion.


Gleichzeitig werden nun aber auch hierzulande Serien mit einer nie für möglich gehaltenen Schlagzahl ins klassische TV-Programm gehievt. Schon in den vergangen zwei, drei Jahren war zu spüren, dass sich die Sender, nicht zuletzt auch die öffentlich-rechtlichen, manchmal bis hin zur Verkrampfung anstrengen, den Anschluss herzustellen. Dass im allgemeinen kreativen Aufbruch auch viel Unerhebliches entsteht und reihenweise Seichtigkeiten und verkopfte TV-Experimente auf den Markt geworfen werden, Serien, die kein Mensch braucht und im Programm-Off weitgehend an der Öffentlichkeit vorbei gesendet werden, ist ein Vorwurf, den sich die die TV-Macher gefallen lassen müssen. Aber dort, wo man Kräfte bündelt, wo für die Primetime produziert und geklotzt und nicht gekleckert wird, entsteht mithin großes Fernsehen, neues Programm, wie viele es den deutschen Produzenten gar nicht zugetraut hätten.


Vor allem Sky bietet Netflix und Amazon mit teils spektakulären Formaten die Stirn. So wird Ende des Jahres die Serien-Adaption des Filmklassikers "Das Boot" vom Stapel laufen. 25 Millionen Euro soll die achtteilige Bavaria-Produktion verschlungen haben. Ebenfalls auf Sky ist voraussichtlich noch 2018 das Endzeit-Drama "Acht Tage" (mit den "Tatort"-Stars Mark Waschke, Fabian Hinrichs und Devid Striesow) zu sehen: Ein Meteorit rast auf die Erde zu und wird in Europa einschlagen. Weniger realitätsfern gestaltet sich "Der Pass", mit Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek in den Hauptrollen. Die deutsch-österreichische Sky-Koproduktion aus der Kreativschmiede Wiedemann & Berg dreht sich um eine Mordserie in den Alpen und ist inspiriert vom dänisch-schwedischen Hit "Die Brücke - Transit in den Tod". Internationalen Touch hat auch "Der Grenzgänger" - eine bereits fürs Frühjahr geplante Sky-Krimi-Serie mit dem in Deutschland geborenen Norweger Tobias Santelmann ("Homeland") in der Hauptrolle eines Osloer Polizisten.


Eines der Top-Themen auf dem deutschen Fernsehmarkt bleibt "Babylon Berlin" - die gemeinsame Produktion von ARD und Sky entpuppt sich als Erfolg. Im Herbst werden die ersten beiden Staffeln in der ARD als Free-TV-Premiere ausgestrahlt, derweil schon die Staffeln drei und vier für den Sky-Einsatz produziert werden. Fortgesetzt wird auch die von Nico Hofmanns UFA produzierte Spionageserie "Deutschland83". Ein Format, das international enorme Resonanz erhielt, bei RTL jedoch total floppte. "Das entscheidende Learning ist", so Hofmann, "dass wir in Zukunft viel genauer unterscheiden müssen zwischen einer Primetimeserie und einer Plattformserie". Deshalb wird die Fortsetzung "Deutschland86" (wieder mit Jonas Nay in der Hauptrolle) nun zusammen mit Amazon für den Streamingdienst produziert.


"Deutschland86" wird ebenso im Laufe dieses Jahres starten wie die zweite Staffel der Matthias-Schweighöfer-Serie "You Are Wanted", die bereits in der ersten Runde bei Amazon ein Erfolg war - während sie in der ORF-Primetime im Free-TV miserabel lief. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe solcher Beispiele, an denen man sieht, dass die Programmverantwortlichen gerade ihre Erfahrungen sammeln. Negative wie positive - die UFA-Produktion "Charité", laut Hofmann "von Anfang an für den Dienstagabend in der ARD konzipiert", war eine der TV-Sensationen 2017. Keine Frage, dass unter der Regie von Sönke Wortmann die zweite Staffel schon in Angriff genommen wurde, auch sie soll 2018 im Ersten ausgestrahlt werden.


"Wir sind mitten im Umbruch, aber wir lernen schnell. Nicht alles, was gut ist, funktioniert überall - die DNA der Sender ist inzwischen sehr spezifisch ausgeprägt", erklärt Nico Hofmann. Für die Programmplaner bedeute dies, "noch genauer zu analysieren und realistischer mit der Erwartungshaltung des Publikums umzugehen". Vor diesem Hintergrund wird es spannend zu beobachten sein, wie sich die neuen Serien, die 2018 im linearen Free-TV auf Sendung gehen, schlagen.


RTL versucht es etwa zu Jahresbeginn mit einem neu konzipierten Serien-Dienstag und unter anderem einem Format namens "Sankt Maik", in dem ein Kleinganove zum Pfarrer einer Provinzgemeinde avanciert. Ab 23. Januar wird das schwarze Schaf (Daniel Donskoy) eingeführt - und das erstmals in Ultra-HD-Bildqualität. Das ZDF kümmert sich im Frühjahr auftragsgemäß um Relevanteres: Regisseur Christian Schwochow taucht mit der sechsteiligen Serie "Bad Banks" tief ein in die komplexe Finanzwelt und beschäftigt sich mit Menschen, die aufgrund von Profitgier die finanzielle Sicherheit eines ganzen Landes riskieren. Zu sehen ist "Bad Banks" (mit Paula Beer und Desirée Nosbusch) im ZDF und bei ARTE.


Außerdem setzt das ZDF auch 2018 auf authentisches Retro-Flair: Die Fortsetzung des viel gelobten Dreiteilers "Ku'damm 56" bekommt genauso viele Teile, und auch in "Ku'damm 59" steht die Familie Schöllack mit der Tanzschule "Galant" im Zentrum. "Emanzipation, Familienstrukturen und der Wunsch nach weiblicher Selbstbestimmung" werden dabei laut ZDF einmal mehr aufgearbeitet.


Ohnehin bleiben historische Stoffe im Fokus der Serienmacher. Auf ARTE und ZDFIno erzählt "Die eiserne Zeit - Leben und Lieben im Dreißigjährigen Krieg" in sechs knapp einstündigen Episoden vom Alltag der finsteren Jahre zwischen 1618 und 1648. Fritz Langs Meisterwerk "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" (1931) gilt bis heute als einer der einflussreichsten Filme weltweit. Der düstere Krimi spielt nun in seiner Neuauflage in Wien, wo eine Serie von Kindsmorden verschiedene Schichten der Gesellschaft beschäftigt. Im mehr als hundertköpfigen Ensemble spielen unter der Regie von "Braunschlag"-Macher David Schalko Stars wie Moritz Bleibtreu, Lars Eidinger, Verena Altenberger, Bela B und Udo Kier. Die Dreharbeiten zur ORF-RTL-Crime-Co-Produktion starten Anfang des Jahres. Auf wahre Ereignisse beruht hingegen die Dramaserie "Der Krieg und Ich". Das Besondere: Sie erzählt davon, wie Kinder Krieg erleben - für ein Publikum ab acht Jahren. Basis der acht Folgen sind Tagebuchaufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Auf dem KIKA wird das Ergebnis voraussichtlich Ende 2018 zu sehen sein.


Eine der vielen großen internationalen Produktionen 2018 hört auf den Namen "The Terror". Diese erste Serie einer umfassenden Kooperation zwischen dem US-Sender AMC und Amazon Prime Video basiert auf der Geschichte einer Arktis-Expedition und wurde von Produzent Ridley Scott um ein paar schaurige Ideen erweitert. Denn die Seeleute sind nicht nur Kälte, Hunger und Krankheit im ewigen Eis ausgesetzt, sondern auch einer mysteriösen Bedrohung in der Dunkelheit und Kälte.


Warm anziehen müssen sich die Streamingdienste jetzt aber auch ihrerseits, denn 2018 wird das Jahr, in dem Apple mit Milliarden-Investitionen den VoD-Markt aufmischen will. Eine noch namenlose Serie mit Reese Witherspoon und Jennifer Aniston ist ebenso in Planung wie ein Sci-Fi-Drama, das der Frage nachgeht, was passiert wäre, hätte der Kampf um die Raumfahrt zwischen Ost und West nie geendet. Am interessantesten dürfte jedoch "Amazing Stories" werden - eine Science-Fiction-Serie aus den 80er-Jahren, die von ihrem Schöpfer Steven Spielberg 2018 wiederbelebt werden soll. Große Namen, große Themen, große Serien - wenn das die Zukunft des Fernsehens ist, wird sich auch hierzulande keiner beschweren. Denn, so Nico Hofmann: "Plötzlich ist Dynamik drin und radikales Programm möglich. Das tut uns unglaublich gut."


Frank Rauscher
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