Deutsche Leidkultur

Maden, nehmt euch in Acht: Zum zwölften Mal schickt RTL ein Dutzend Promis in sein "Dschungelcamp"

Mit Dschungelcamp-Schauen ist es ein bisschen wie mit Nasebohren: Jeder findet's eklig, aber jeder macht's. Gut, nicht jeder. Aber doch ziemlich viele. Mehr als 7,7 Millionen Deutsche sahen im vergangenen Januar das Finale der Ekelshow - das war immerhin jeder dritte Fernsehzuschauer. Wenn am Freitag, 19. Januar, 21.15 Uhr, bei RTL die Dschungelsause in die nunmehr zwölfte Staffel geht, dürfte die Quote kaum geringer sein. Aber warum machen die das, die Deutschen? "Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will", hat Schopenhauer einmal gesagt. Oh je.

Eskapismus fällt als Motiv schon mal aus. Oder schaut sich wirklich jemand hodenverzehrenden B-Promis an, um sich vom anstrengenden Arbeitsalltag zu entspannen? Da bietet die öffentlich-rechtliche Konkurrenz Seichteres. Was ist es dann? Die - freilich wenig überraschende - Antwort kommt vom Experten: "Es ist diese unglaubliche Mischung aus Schadenfreude und Voyeurismus", weiß Michael Thiel. Im Interview mit der Agentur teleschau erklärt der bekannte Hamburger Diplom-Psychologe, das Dschungelcamp - offizieller Name übrigens: "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" - biete "eine Kombination, der die menschliche Psyche kaum widerstehen kann. Schadenfreude ist ja eine Emotion, vergleichbar mit Lachen oder dem Gefühl, wenn man guten Sex gehabt hat - es werden Hormone freigesetzt, die uns entspannen, uns in eine gute Stimmung versetzen."

Gute Stimmung? Bei diesen Gesichtern? Für die zwölfte Staffel hat sich RTL erneut im Horrorkabinett der B-Prominenz bedient und allerlei traurige Gestalten verpflichten können. Da sind die obligatorischen RTL-Eigengewächse ("Bachelorette"-Sieger David Friedrich, "Sommerhaus"-Teilnehmer Matthias Mangiapane, der "DSDS"-Zweitplatzierte Daniele Negroni und "Bachelor"-Teilnehmerin Kattia Vides). Bedient hat man sich mit "GNTM"-Teilnehmerin und Transgender-Model Giuliana Farfalle auch bei der Konkurrenz, und, ganz wichtig: RTL hat erneut eine schräge Auswahl an abgehalfterten Altstars in finanziellen Nöten ausgebuddelt. "If Only I Could"-Sänger Sydney Youngblood, Ex-Fußballer Ansgar Brinkmann (Spitzname: "der weiße Brasilianer") und Schlagersängerin Tina York ("Wir lassen uns das Singen nicht verbieten") geben sich die Ehre.


Schauspielerin Sandra Steffl dürfte das wohl unbekannteste Gesicht unter diesen vielen unbekannten Gesichtern sein. Und dass die  größten Namen auf der Besetzungsliste Tatjana Gsell und Natascha Ochsenknecht lauten - kein Kommentar. Der Tiefpunkt der Casting-Kreativität ist aber wohl Jenny Frankhauser, die Halbschwester von Daniela Katzenberger. Das Original war sich offenbar zu schade für den Dschungel. Immerhin, einen Lichtblick gibt es: Die heute fast schon obligatorische YouTuberin findet sich nicht unter den zwölf Dschungelcampern.


Das Wetter an der australischen Gold Coast, wo neben RTL diverse weitere internationale Sender seit Jahren ihre Prominenz mit Maden füttern, ist derzeit übrigens auf Krawall gebürstet. Für Ende kommender Woche verspricht der Wetterdienst Temperaturen nur knapp unterhalb der 40-Grad-Marke. Das wird sicherlich so manches Gemüt erhitzen. Danach wird's allerdings etwas kühler und vor allem: trocken. Regenwahrscheinlichkeit: maximal zehn Prozent. Gespielt wird in diesem Jahr wieder nach den althergebrachten Regeln, heißt: Alle zwölf Kandidaten bewohnen bereits zum Start wieder ein gemeinsames Camp statt zwei getrennte, wie in den beiden Vorjahren. Und das erneut unter den gestrengen Augen des Moderatorenduos Sonja Zietlow und Daniel Hartwich . Klar: Dr. Bob, Aufpasser und Anleiter bei sämtlichen Ekelprüfungen, ist auch wieder mit dabei.


Begleitet wird die Dschungelsause auch in diesem Jahr von einem Medienhype, von dem andere TV-Formate nur träumen dürfen. Schon vor Monaten ließ RTL über die "Bild"-Zeitung die ersten Namen der Kandidaten durchsickern; vor wenigen Tagen verkündete man dann, dass die Kandidaten unter anderem feuchtes Toilettenpapier und Make-up mit in den Urwald nehmen. Schnappatmung bei den Begleitmedien!


Und wenn es dann losgeht am kommenden Freitag, wird wieder eine Heerschar an Redakteuren vor den Bildschirmen kleben und noch in der Nacht Nachbesprechungen und Zusammenfassungen in die Tastaturen hacken, auf dass niemand am nächsten Morgen in der Büroküche zugeben muss, einen "Skandal" vom Vorabend verpasst zu haben. Was früher die Premierenbesprechungen aus dem Staatstheater waren, die eilig nach Fall des Vorhangs an die Redaktion telefonisch durchgegeben wurden - heute sind es die Sexbeichten aus dem australischen Dschungel. Was Schopenhauer wohl dazu sagen würde?


Sven Hauberg
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