Dresden, das ist nicht witzig

Wie der "Tatort: Déjà-vu" mit neuen Stärken überzeugte

Die Geschichte eines pädophil veranlagten Kindermörders erzählte der "Tatort" des MDR schnörkellos, aber präzise beobachtend und mit starker Figurenzeichnung. Offenbar hat man sich in Dresden vorerst vom Krimi-Comedy-Prinzip verabschiedet, das nur in Folge eins des aktuellen Ermittlertrios ("Auf einen Schlag", 2016) genial funktionierte. Die Entscheidung zur neuen Ernsthaftigkeit konnte den Absprung einer der Kommissarinnen jedoch nicht verhindern.

Was war los?

Der neunjährige Rico wurde tot aus Elbe geborgen, in seinem Mund: Spermaspuren. Nicht nur den Eltern (Jörg Malchow, Franziska Hartmann) setzte die Tat drastisch zu. Auch die Ermittler Henni Sieland (Alwara Höfels), Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Schnabel (Martin Brambach) standen neben sich. Einige Jahre zuvor erlebte Dresden einen ähnlichen Fall, den Schnabel nicht aufklären konnte. Unter intensivem Druck der Medien begann nun eine Hexenjagd auf den Schwimmtrainer des toten Jungen, dem eine pädophile Vergangenheit nachgesagt wurde. Dabei wusste der Zuschauer früh, wer der wahre Täter war. Gestört hat das nicht.


Der Zuschauer als Komplize


Das Stilmittel, den Zuschauer eines Krimis schon früh wissen zu lassen, wer der Mörder ist, gibt es schon lange. Spätestens seit "Columbo", der dieses Prinzip zur Serienreife brachte, spielen Drehbücher mit der Idee, den Zuschauer zum Komplizen zu machen, indem sie ihn mehr wissen lassen als die Kommissare. Besonders perfide geschah dies im neuen Fall aus Dresden, weil der vermeintliche Täter - ein letzter, geschickt inszenierter Restzweifel blieb - ein rehäugiger netter junger Mann war, der selbst von seinem Leben gequält schien. Auch wegen dieser "inneren Komplizenschaft" war der Film harter Stoff für den Zuschauer.


Wie realistisch ging es zu?


Weil in Dresden diesmal auf Comedy-Elemente verzichtet wurde, kam der Fall eines Kinder-Seriemörders dem Zuschauer bedrückend nah. Zwar hatte der frühere Stammautor Ralf Husmann mit seinem ersten Dresden-Krimi "Auf einen Schlag", der in der Schlagerbranche spielte, einen eigenen Realismus der grotesken Überzeichnung gefunden, den man vom "Stromberg"-Autor aus vielen guten Drehbüchern und Romanen kennt. Leider verlor sich diese Qualität der überreizten, aber gnadenlosen Beobachtung in den Folgefilmen. Die Dresdner Welt der Internet- oder Versicherungs-Gurus wirkte in den letzten Fällen eher künstlich. Dann doch lieber wie dieser Krimi: trist, taff und gut beobachtet.


Wie waren die Ermittler in Form?


Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Henni Sieland (Alwara Höfels) wirkten ob des Falles verständlicherweise angefressen. Peter Michael Schnabel, den Martin Brambach immer dicht am Konzept "Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs" platziert, hatte zudem ein eigenes Schuldthema zu bewältigen. Sein unaufgeklärter Mordfall aus der Vergangenheit konnte am Ende eine - traurige - Auflösung erfahren. Zu Bedauern ist auch das Ausscheiden der burschikosen Ermittlerin Sieland. Der kommende Fall wird der letzte für Alwara Höfels sein. Vorbereitend hat man ihr erst mal eine Schwangerschaft ins Drehbuch geschrieben - aber auch die Aussage, dass sie das Kind nicht bekommen will. Für eine spannende Privatgeschichte der Kommissarin zum Abschied scheint also gesorgt.


Wer waren die Macher?


Das Drehbuch stammte kurioserweise von zwei etablierten Regisseuren, Mark Monheim ("About A Girl") und dem sehr erfahrenen Stephan Wagner ("Die Akte General"). Wagner inszenierte 2012 das vielfach preisgekrönte ZDF-Drama "Der Fall Jakob von Metzler", wobei er große Sensibilität im Umgang mit einem vergleichbaren Plot bewies. Dafür durfte bei "Déjà-vu" ein junger Mann beim Inszenieren ran: der 31-jährige Dustin Loose ("Erledigung einer Sache"), für seine Studentenwerke bereits vielfach ausgezeichnet, machte einen ausgezeichneten Job: die Bilder wirkten sehr stimmungsvoll, aber nicht effekthascherisch. Die Kamera verweilte auch mal bei nicht sprechenden Personen und beobachtete still. Im deutschen Krimi leider eine Seltenheit.


Wie geht es weiter in Dresden?


Ralf Husmann, sicher einer der humorbegabtesten deutschen Autoren, hat sich mittlerweile aus Sachsen verabschiedet. Ob es daran lag, dass ihm beim MDR zu viele Menschen in seine Stoffe hineinquatschten? Darüber gibt es keine verlässlichen Informationen. Bislang sieht der Dresdner Neustart nach vier von Husmanns Geist inspirierten Folgen nach einer ernsten Angelegenheit mit wechselnden Autoren aus. Der nächste Fall "Wer jetzt allein ist" wurde bereits vor Weihnachten abgedreht. Er spielt in der Welt des Online-Datings. Das Buch schrieb Erol Yesilkaya, der für finster-brillante "Tatorte" wie Joachim Króls Abschiedsvorstellung "Das Haus am Ende der Straße" verantwortlich war, Regie führte Theresa von Eltz ("Vier Könige").


Wer war der "sanfte" Kindermörder?


Der 1985 geborene Benjamin Lillie zählt zu den spannendsten deutschen Jung-Schauspielern. Die Mine des schönen Deutsch-Schweden, der seit 2013 zum Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin zählt, scheint ein Geheimnis zu transportieren, das unergründlich wirkt. Auf die Rolle des verstörend sanften Kindermörders passte das auf sehr berückende Art und Weise. Für die Darstellung eines jungen Bankers in Marc Bauders Film "Dead Man Working" gewann Lillies 2017 den Grimme-Preis. Es ist davon auszugehen, dass man sein Gesicht in Zukunft öfter sehen wird.


Wie gut war der "Tatort"?


Sehr gut. "Déjà-vu" war der bester Dresden-"Tatort" seit dem bärenstarken Auftaktfall vom Frühjahr 2016. So darf es gerne weitergehen an der Elbe.


Eric Leimann
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